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Der Druide und seine Opfer

In der Via Appia, nicht weit von der Porta Latina, stand zur Zeit des Kaisers Diokletian ein großes, palastähnliches Gebäude, das dem Römer Gajus Tullius gehörte, jedoch von dessen Sohn Popellus bewohnt wurde. Gajus Tullius weilte schon seit mehreren Jahren in Colonia am Rhein, wo er die Statthaltergeschäfte führte.
Popellus bewohnte jedoch das prächtige Haus nicht allein, er teilte die Räume mit seinem Waffengefährten Ingo Donas. Ingo war der Sohn eines Germanenfürsten aus dem Stamme der Chatten, die rechts des Rheins an der oberen Sieg auf dem Westerwald ihre Wohnsitze hatten.
Inzwischen entwickelte sich immer mehr die christliche Kirchenverfassung. Den Einflüssen dieser Lehre konnten sich edeldenkende Menschen nicht entziehen.
So war es mit Ingo und Popellus, die schon lange mit den Christen sympathisierten und ihre Versammlungen besucht hatten. Nachdem einer ihrer Aufseher – heute Priester –, der in der Heilkunde bewandert war, Popellus von einer schweren Krankheit gerettet und durch täglichen Besuch die Freunde in der Lehre Christi unterrichtet hatte, bekannten sie sich offen als Christen und ließen sich taufen.
Galerius, einer der Günstlinge Diokletians, hasste alle Christen, in erster Linie die beiden Freunde. Er kämpfte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen die immer mehr um sich greifende Macht der neuen Religion. Schon lange hatte er mit Neid und Missgunst bemerkt, dass die Christen vom Kaiser immer mehr begünstigt wurden.
Um Ingo und Popellus aus dem Wege zu räumen, versuchte er nach seinem Einzug in Rom die beiden beim Kaiser zu verleumden. Keine Stunde am Tage ruhte er, Diokletians Ohren mit Verdächtigungen gegen die Christen vollzuraunen und ihn zu Maßregeln gegen die staatsgefährliche Sekte, wie er sie nannte, aufzureizen.
Während eines Festbanketts trat der Streit zwischen Diokletian und den beiden Freunden offen zutage. Sie bekannten sich zum Christentum und sollten dafür vom Kaiser bestraft werden.
Es gelang, dass sie nur aus Rom verbannt wurden. Und so reisten die beiden Freunde über den Rhein ihrer Heimat zu.

*Die Behausung des Chattenfürsten Donas lag auf einer kleinen Anhöhe, die auf einer Seite von der Sieg bespült wurde. Es war ein großes, aus mächtigen Holzstämmen und Steinen zusammengefügtes Gebäude, das fast unter den Ästen vieler knorriger Eichen, die es umgaben, verschwand. Schon lange hatte Donas nichts mehr von seinem Sohne gehört, hatte aber erfahren, dass dieser zu einem Krieger in Rom aufgestiegen war.
Aber da er noch immer nicht zurückgekommen war, um die in Rom erlernte Kriegskunst zum Nutzen seines Stammes zu verwerten, und im gegebenen Falle durch Tapferkeit die Heimat zu schirmen, begann der alte Fürst zu trauern, weil er glaubte, der einzige Nachkomme habe irgendwo in der Ferne den Tod gefunden.
Dumpf vor sich hin brütend, saß er auf seinem mit Pelzen bedeckten Lager und hielt den greisen Kopf in die Hand gestützt.
Auf einem Wege, der von dem Anwesen in den an die Weiden und Felder angrenzenden Wald führte, wurde nun ein Mann sichtbar, der sich in seiner Kleidung ganz von den übrigen Germanen unterschied. Eine hagere, unheimlich lange Gestalt war nur bekleidet mit einem weißen Linnentuch, das so um den Leib geschlungen war, dass es ihm bis auf die nackten Füße reichte. Der zu der Größe des Körpers klein zu nennende Kopf war ganz kahl und das scharfgeschnittene Gesicht, in dem ein paar flackernde, stechende Augen lagen, entbehrte des üblichen Bartes.
Als Fürst Donas seiner ansichtig wurde, ging ein freudiges Leuchten über sein Gesicht. Er wandte sich von der Brüstung ab und ging aus der Halle dem sich nähernden Manne entgegen.
„Du ließest lange auf dich warten, Oberpriester“, begann der Fürst und musterte den Angeredeten scharf.
Dieser lächelte kaum merklich, warf ein Stück seines Gewandes, das von seiner Schulter herunterzugleiten drohte, wieder zurück und erwiderte dann langsam und bedächtig:
„Der Mensch kann den Göttern nicht befehlen... Die Götter befehlen uns. Sie sprechen nur, wenn sie wollen, und dann nur zu ihren Vertrauten!“
„Haben sie gesprochen?“ Im Ton der Stimme des Chatten lag etwas Ungeduld.
„Sie haben meine Bitte erhört!“
„Und was sagten sie?“
„Freue dich, Fürst!“
„Mein Sohn lebt?“
„Hoffentlich zum Wohle und zur Größe unseres Stammes!“
„Also er lebt?!“
„Bevor sich im Westen die Sonne senkt, sieht der Vater den Sohn!“
„Beim Donar, Druide, ist das wahr?“
Der mächtige Körper des Alten zitterte.
Der Druide blieb ruhig – sein Gesicht wurde starr. „Die Eingeweide des Opfers sagten es! Die Götter lügen nicht, Fürst!“
Aber nicht die Götter hatten dem Oberpriester die Nachricht gegeben, sondern seine Späher, die er überall im Lande hatte.-.-.-.-
Die Feste, die Fürst Donas anlässlich der Wiederkehr seines Sohnes gegeben hatte, waren vorbei. –
Mit einem ungeheuren Aufwand hatte man sie gefeiert, mit einem Aufwand, wie ihn sich nur Fürst Donas leisten konnte.
Zu Ehren des Heimgekehrten waren große Kampfspiele veranstaltet worden. Acht Tage hatten die Feierlichkeiten gedauert.
Ingo hatte viel aus Rom mitgebracht: Waffen, Kleider, Gold- und Silberwaren... Der junge Fürstensohn hatte große Pläne. Schon lange bedauerte er nicht mehr, dass er Rom hatte verlassen müssen. Was konnte er in Rom noch erringen? – Ruhm, Ehre und Reichtum? – Gewiss, die allerhöchsten irdischen Güter. Doch seitdem er Christ geworden war, kam ihm das einst so sehr Erstrebte nicht mehr so erkämpfenswert vor.
Fast fühlte er in sich eine göttliche Mission. War da nicht eine Stimme, die ihm ständig zuraunte: „Lasse Rom! Dort ist nicht deines Bleibens – dort liegt nicht deine Bestimmung. Gehe in das Land deiner Väter und wirke – da ist dein Platz!“ Und er hatte die Worte des Gottmenschen vernommen: „Gehet hin in alle Welt...“
Bei Arbeiten im Wald begegnete Ingo dem Oberpriester Seltas.
Ingo kannte den ungeheuren Einfluss dieses Mannes bei den Chatten und Sugambrern. Der Druide blickte einen Augenblick zu Boden, dann begann er bedächtig und langsam: „Noch harrt der heilige Opferstein auf ein Dankopfer aus deiner Hand, Fürstensohn!“ Die stechenden Augen des Oberpriesters ruhten durchdringend auf Ingo.
„Ich werde nicht mehr deinen Göttern opfern, Seltas“, erwiderte Ingo. „Das war früher einmal. Ich habe eingesehen, dass es zwecklos ist, ja sogar eine große

Torheit ist!“
Der Priester zuckte zusammen. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Eine graue Blässe überzog sein mageres Gesicht, die Augen schienen noch tiefer in ihre Höhlen zurückzutreten.
„Eine Torheit? – Verstehe ich recht?“ – Seine Stimme war drohend.
„Ich sagte so!“
Seltas holte tief Atem. „Ich kann mir nicht denken, dass du für eine Torheit hältst, die Himmlischen zu ehren!“
„Ich ehre nur einen Gott – und opfere auch nur ihm!“
„Du scheinst in Rom vieles gelernt zu haben, was dein Vater und deine Stammesbrüder nicht wünschten!“, sagte Seltas.
Ingo wandte sich zum Gehen. „Jedes Menschen Wunsch und Streben sollte es sein, die Wahrheit zu erkennen, und auch bei dir, Seltas!“
In den Augen des Druiden flammte es auf.
„Hüte deine Zunge!“, sagte er scharf und presste die schmalen Lippen zusammen.
„Ich fürchte mich nicht, Priester“, sagte Ingo mitleidig und nachsichtig.
„Auf der Verachtung unserer Götter steht der Tod!“
Seltas ging hinweg, mit langen, aber langsamen Schritten dem Walde zu. Ingo sah ihm noch eine Weile nach, in Gedanken versunken. Das war der erste Zusammenstoß in der Heimat, dachte er. Eigentlich hatte er dies erwarten müssen. Er kannte doch als Germane die heidnischen Gesetze der Heimat zur Genüge. Wie sonderbar: in Rom mordete man die Anhänger jenes, der nur das Beste für die Menschen wollte und Frieden und Liebe predigte, zu Tausenden hin und auch hier sprach man schon gleich von einer Todesstrafe.

Im weiteren Verlauf lernt Ingo die Sklavin Gisla kennen und lieben. Doch sie erkrankt und bei einem Jagdunfall wird auch Ingo schwer verletzt.

Ja, es lag klar auf der Hand: die Götter hatten Ingo gestraft... Wie konnte das anders sein. Und schon stand alles Volk aufseiten des Oberpriesters.

Nun war der Tag des Odinsfestes da. Hunderte von Kriegern, Frauen und Kindern hatten sich am Druidenstein versammelt. Seltas sprach zu der Menge. Doch die letzten Worte erstarben ihm auf der Zunge. Kein Mensch hörte mehr auf ihn. Alles schaute entsetzt nach dem Süden, von wo ein fortwährendes dumpfes Donnern herübertönte. Die ganze Gegend verdunkelte sich immer mehr. Die Priester und Priesterinnen flüsterten sich angsterfüllte Worte zu. Dort, vom Süden her, näherten sich feindliche Gewalten. Nun soll ein Sklave geopfert werden, und Gisla, die Braut des Christen Ingo, soll vom Blute trinken. Unter einem Vorwand wird sie zum Druidenstein gelockt.
Gisla stieg langsam die Stufen hinan. Es schien so, als ob ihre Füße die Stufen gar nicht berührten. Wie eine geistige Engelsgestalt schwebte sie hinauf zu dem Stand des Oberpriesters.
Seltas hatte laut und weitvernehmlich gesprochen. Nun reichte er mit feierlichem Zeremoniell Gisla die Schale mit dem Blut des Sklaven. Die Jungfrau nahm sie mit zitternden Händen an und warf sie mit dem noch rauchenden Blute die Stufen hinab.
Ein Schrei aus Tausenden von Kehlen übertönte das Getöse des Gewitters. Wie der Geier auf sein Opfer, so stürzte Seltas sich auf Gisla und seine knochigen Hände umspannten mit Riesenkraft ihre zarten Arme. Bleich und starr standen die Priesterinnen und Priester da und sahen auf ihren Oberen und Gisla. Das Volk schrie wie wahnsinnig – ein entfesselter Orkan entquoll aus Menschenkehlen und wogte über Berge und Täler.
Die Gaugrafen und Vornehmen der Stämme drängten sich an den Opferstein heran.
Tat sich denn nicht die Erde auf? – Verschlang sie nicht alle, die zufällig Zeuge dieses unerhörten Frevels gewesen waren? Kommt nicht der zackige Blitz, der alles zerschmettert? Nein, nichts von dem!... Dort stand Gisla in wunderbarer Erhabenheit, in stolzer, hehrer Größe. Ihr ängstliches Wesen war gänzlich von ihr entflohen. Geduldig hielt sie den starren und stieren Blick des Oberpriesters aus.
„Weib, was tatest du?“, schrie Seltas sie an. „Weißt du auch, dass du dein Leben verwirkt hast? – Warum trankest du nicht das heilige Blut aus der Schale? – Es war zur Ehre Odins und zum Heile Ingos vergossen worden!“
Da brüllte die Erde auf, die gierig und wütend blickenden Augen der Anwesenden wurden von einem Blitz geblendet, der den ganzen Druidenstein in einen Feuerball verwandelte. Sieben Unterpriester stürzten, von dem feurigen Strahl getroffen, zerschmettert die Stufen hinab. Jetzt war es mit der Ruhe des Volkes vorbei. Von allen Seiten drängten die Massen zu dem Druidenstein hin.
„Opfere sie den Göttern! Sie hat gefrevelt! Wir gehen doch alle unter! Ein böser Geist steckt in ihr!“
Menschengewimmel und fanatische Raserei war Losung.
Seltas schrie den Herandrängenden entgegen: „Ihr habt selbst gesehen, Volksgenossen, was sich ereignet hat. Ihr sollt auch bestimmen, was geschehen soll!“
„Töte sie – sie muss sterben! – Sofort soll sie sterben!“ Alle erhoben sich gegen Gisla und hielten die Hände empor.
Da setzte ein furchtbarer Hagelschauer ein. Körner in der Größe von Taubeneiern prasselten auf die Erde nieder.
Seltas fasste die unglückliche Jungfrau. Sie wurde gefesselt und auf den Opferstein geworfen.

Gisla ergab sich in ihr Schicksal. Nun, wo es nahe gekommen war, hatte ihr früher so leicht erregtes Wesen einer seltsamen Ruhe Platz gemacht. Ihre Augen schienen ganz verklärt, sie sahen heiter in unendliche Fernen. Sie hatte von Ingo gehört, dass die Christen scharenweise, zu Tausenden für diesen heiligen Glauben gestorben waren, nun sollte sie die erste Germanin sein, der diese Ehre zuteil wurde. Nur eins betrübte sie, dass das heilige Wasser der Taufe noch nicht ihre Stirne benetzt hatte.
Immer wilder wurde die Menge. Bereits blitzte das lange Opfermesser in der Hand des Oberpriesters. Atemlos standen die Menschen da. Nicht ein Laut kam mehr über die Lippen der Anwesenden.
Gisla blickte lächelnd auf den im Scheine der Blitze blinkenden Stahl. Nun betete sie laut und vernehmbar zu Gott, er möge sie in die Schar der Auserwählten aufnehmen.
Da tönten plötzlich gellende Schreie an die Ohren der Heiden. Ein heiserer Fluch entrang sich dem Munde Seltas.
Vom östlichen Eingang des heiligen Hains nahten in rasendem Lauf Gerimfried und seine Gefährten. Mit wildem Geschrei stürzten sie auf den Opferstein zu.
„Ich fordere alle bewaffneten Germanen auf, die verwegenen Störer dieser heiligen Feier anzugreifen!“, rief Seltas mit mächtiger Stimme von seinem Stand herab.
Viele gehorchten seinem Befehl und so wurden die Ankommenden vor dem Druidenstein aufgehalten.
„Gebt den Weg frei, damit ich dieser opfernden, hageren Bestie den Schädel einschlagen kann!“, rief Gerimfried, doch seine Worte verhallten im Winde und in dem Tumult, der eingesetzt hatte.
Bereits zischten die Waffen in der Luft. Der Kampf entbrannte mit ungeheurer Erbitterung. Gerimfried und seine Gefährten kämpften mit einem Löwenmut sondergleichen.

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