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Der Floh des Schneiders Schrapp

Leseprobe "Der Floh des Schneiders Schrapp"

An einem wundervollen Juninachmittag, als eine freundliche Sonne den Rosen in den Gärten Laitertals mit zärtlicher Sorgfalt die Knospen öffnete und die ganze Natur sich nur der Lust und Freude hinzugeben schien, war der Schneider besonders missgelaunt. Zunächst ärgerte er sich über seine Frau, die mit den jüngsten Kindern zu einer Verwandten in einen Nachbarort gegangen war, um dort Visite zu machen und einen Geburtstag bei Kuchen und Kaffee zu feiern. Ah, dieses Weibervolk! Sobald es Kuchen und Bohnenkaffee riecht, sind die armen Ehemänner und alle häuslichen Pflichten vergessen! –

Schon allein der Gedanke, dass jetzt seine Frau hinter Torten und Streuselkuchen saß und mit Behagen einen duftenden Kaffee schlürfte – während er einen Anzug für den hochnäsigen und pedantischen Schullehrer Wonsk schneidern musste -, vergiftete ihm die Laune. Dann hatte er noch das Pech gehabt, sich beim Zuschneiden des Stoffes im Maß zu irren. Beim Maßnehmen hatte er eine 8 so undeutlich geschrieben, dass er sie beim Zuschneiden für eine 3 gehalten hatte. Mit der Schuld an diesem Unglück belastete er sich natürlich nicht selbst, sondern klagte die Unvollkommenheit der Formen an, in denen der größte Teil der Menschheit die Zahlen zu schreiben gezwungen wird. Weshalb gab man den Zahlen nicht eine Gestalt, die keine Verwechslung mehr zulässt? Da laufen nun viele Tausend von Professoren und Doktoren in der Welt herum und kosten die Steuerzahler eine Masse Geld, aber noch keinem ist’s eingefallen, die Form der Zahlen so zu verbessern, dass auch bei den Krähenfüßen des Schneiders Schrapp keine Verwechslungen mehr möglich sind.

Während ihm diese anklagenden und revolutionären Gedanken noch durch den Kopf gingen, sah er den herrlichen Sonnenschein draußen und empfand den Duft der Blüten, den ein warmer friedlicher Wind durchs offene Fenster in die Werkstatt trug. Da dachte er wieder an seine Frau – die hinter Toren und Streuselkuchen saß und Kaffee schlürfte - und es wurde ihm die Arbeit auf einmal so verleidet, dass er glaubte, keinen Schnitt und Stich mehr machen zu können. Der Versucher schlich sich an ihn heran, ließ ihn die Wonnen eines geruhsamen Spaziergangs durch Felder und Wiesen kosten und zeigte ihm ein volles, kühles, schaumgekröntes Glas Bier beim Kronenwirt.

Schrapp war aber keineswegs ein Schwächling. Zornig knurrend schüttelte er den Versucher von sich ab. So früh am Tag durfte ein armer und geplagter Dorfschneider keinen Feierabend machen. Spaziergänge um diese Zeit konnten sich die Lehrer leisten, der Pfarrer, die Invaliden – aber nicht ein Schneider, dem auch noch gerade das Unglück widerfahren ist, das Tuch für die Brustweite eines an sich schon schmalbrüstigen Kunden noch um fünf Zentimeter zu verringern.
Emsig arbeitete er weiter. Als sich nach einer Weile der Versucher wieder neben ihm niederließ, stieg er erregt vom Werktisch und schlurfte nebenan in die Küche, um mit Kaffee seine nach Bier lüsternde Kehle zu trösten. Doch was für ein Kaffee war das! Eine elende Brühe! Ja ja, das ist die Art meiner Frau: sie selbst geht zu dem leckersten Schmaus und ihm stellt sie ein Gesöff auf den Herd, das vom Kaffee nur die Farbe entliehen hat. Da sollte man schon aus Protest zum Kronenwirt gehen!

Doch Schrapp hätte den Versucher abermals abgewiesen, wenn nicht ein ganz unerwartetes und ungewöhnliches Ereignis eingetreten wäre. Er wollte gerade auf den Arbeitstisch zurückklettern, da spürte er auf seinem Bauch einen kräftigen Stich. Was war das? Eine verirrte Nadel oder ein Floh? Wie gebannt blieb er am Tische stehen, stemmte die Fäuste auf den Bord und verdrehte die Augen. Wieder ein Stich. Kein Zweifel, es war ein Floh. Schrapp machte eine Miene, als ob er es nicht fassen könne. Gab’s denn noch Flöhe? Haha, in diesem Nest Laitertal war alles möglich.

Beim dritten Stich riss er das Hemd auf. Ah, es war in der Tat ein Floh! Er hatte das Glück, die kleine flinke Bestie für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen. Wütend zog er sich das Hemd vom Leib und untersuchte es innen und außen. Kein Floh war zu entdecken. Beruhigt zog er das Hemd wieder an, in dem Glauben, das Tier habe Vernunft und sei davongesprungen.

Aber kaum saß er auf seinem Tisch, da spürte er das winzige Luder an seinem linken Oberschenkel. Er hatte eine außerordentlich empfindsame Haut, die auch auf die schwächste Bewegung des Flohs reagierte, die aber bei einem Stich das gesamte Nervensystem in Mitleidenschaft zog. Die psychische Wirkung war nicht geringer: Er fand es unverschämt, ja himmelschreiend und höllenhaft verbrecherisch, dass auf dieser Erde ein fleißiger und ehrlicher Handwerker durch ein so erbärmliches braunes Geschöpfchen gequält und in der Arbeit gestört werden kann.

Mit zornigem Eifer jagte er nach dem Floh, der ihm aber immer wieder entwich. Endlich sagte er sich, dass es sinnlos sei, die Jagd in der Werkstatt fortzusetzen; denn wenn es ihm wirklich glückte, den Floh aus seinen Kleidern zu verjagen, so würde er doch in der Werkstatt bleiben und ihm bei erster Gelegenheit wieder anspringen. Seufzend lenkte er den Blick aufs Fenster. Abermals sah er den herrlichen Sonnenschein draußen, hörte seine Frau lachen bei Kuchen und Kaffee und spürte den würzigen Duft eines kühlen Bieres beim Kronenwirt. Die Arbeit war ihm plötzlich zuwider. Weshalb sollte er nicht einmal eine Stunde früher Feierabend machen, sich einen Spaziergang gönnen und anschließend ein Schlückchen Bier? Und wer kann überhaupt noch an Arbeit denken, wenn er dauernd von einem Floh gequält wird? Fluchend nahm er seine Joppe vom Haken, knurrend zog er sie an. Die Tür der Werkstatt schlug er hinter sich zu, als gelte es, einen untreuen oder zahlungsunfähigen Kunden nach dem Abschied noch zu beleidigen.*Nachdem er das Haus verlassen, stürmte er nicht gleich auf den Kronenwirt los, um die Flamme seines empörten Gemütes möglichst schnell mit Bier zu löschen. Nein, das tat er nicht. In einer Hecke am Dorfrand wollte er sich zuerst den Floh vom Leib schaffen. Dort konnte er ihm ungestört nachstellen, ihn erlegen oder ihn zumindest zu einer Flucht in die große Natur zwingen. Auch wollte er die kostbare Stunde, die er heute von seiner Arbeitszeit fortnahm, weidlich ausnützen zu einer körperlichen Erholung; denn der Arzt hatte ihm dringend geraten, sich öfter Bewegung in der frischen Luft zu verschaffen.

Er ging aus dem Dorf und umschritt es in weitem Bogen. Und während er durch die Felder und Wiesen dahinwanderte, stellte er zu seiner Genugtuung fest, dass von dem Floh auch nicht mehr das Geringste zu spüren war. Das Insekt hatte es offenbar vorgezogen, in der Werkstatt zu bleiben, oder es war gleich nach dem Verlassen des Hauses von ihm abgesprungen. Also doch noch ein ziemlich anständiger Floh, der ihm wenigstens nicht den Spaziergang verleiden wollte. Schrapp freute sich, endlich von dem lästigen Blutsauger befreit zu sein, und seine Laune besserte sich ein wenig. Er lauschte auf das muntere Vogelgezwitscher aus den Hecken, ließ mit Wonne den Blick über das satte Grün der Kornfelder schweifen, prüfte das Vieh auf den Weiden und das schon mähreife Gras auf den Wiesen - - -

Seine Laune verschlechterte sich jedoch wieder, als er an dem größten Bauernhof der Gemeinde Laitertal, dem Singhof, vorbeikam. Der Hof lag abseits des Dorfes – als wolle er schon durch die Distanz seine Bedeutung kundtun – und bezeugte durch die Sauberkeit seiner Gebäude und die Gepflegtheit seiner Umgebung, dass sein Herr etwas taugte. Der Besitzer, der Pitter Dörfe hieß, zählte bei Schrapp nie zu den geistigen Leuchten Laitertals; wenn er aber neuerdings von ihm sprach, so pflegte er gern das Sprichwort von den dümmsten Bauern und den dicksten Kartoffeln zu erwähnen. Das tat er aus Bosheit, Ärger und Rachsucht. Es hatte sich nämlich nach dem Krieg ein junger

Konkurrent im Dorf niedergelassen, ein tüchtiger und lustiger Vertreter der Zunft, der früher als Geselle und Meister nur in großen Städten gearbeitet und den nur Hunger und Bombenangriffe in sein Heimatdorf zurückgetrieben hatten. Diesem gefährlichen Konkurrenten wünschte Schrapp jeden Tag einen Blitzschlag auf den Werktisch. Pitter Dörfe, der fetteste Bauer des Dorfes, hatte seinen neuesten Sonntagsanzug, den er zu Ostern zum ersten Mal getragen, bei dem jungen Schneider machen lassen. Seit dieser Zeit fing Schrapp schon zu knurren an, wenn er nur an den ungetreuen Kunden erinnert wurde.

In der Gemeinde hielt man Pitter Dörfe für einen Glückspilz; ihm gäbe es der Herr mit vollen Händen, sagte man, und er habe gut lachen. Nun lachte der Bauer auch nicht wenig – ein sattes, zufriedenes und festes Lachen stieß er aus, das unerschütterlich und jedem Unglück gewachsen zu sein schien. Als ihm vor Jahren die erste Frau gestorben, hatten viele geglaubt, dass nun auch der frohe Dörfe sein Lachen verlieren würde. Aber man hatte sich geirrt. Der fast vierzigjährige, kernige, stattliche Mann dachte gar nicht daran, seinen Frohsinn aufzugeben. Sicherlich trauerte er ehrlich um seine Frau, doch er haderte nicht mit Gott und Welt und ließ den Trost nicht unbeachtet. Das freundliche und heitere Lachen gab er nicht preis. Und nach Jahresfrist holte er sich aus der Nachbarschaft eine zweite Frau. Diese besaß nicht nur ein beträchtliches Vermögen, sondern war außerdem jung und schön, sparsam, fleißig – man kann sagen: das Muster einer Hausfrau. Alle Laitertaler waren sich darüber einig, dass das Leben dem Bauern doppelt und dreifach zurückgegeben, was ihm der Tod genommen, und dass er Grund genug habe, noch mehr zu lachen als vorher. Dörfe war mit seiner ersten Frau zufrieden gewesen, mit der Zweiten lebte er jedoch in einem schier wolkenlosen Glück. Noch viel mehr als früher lachte er, noch satter, zufriedener und fester klang es. Und weil er grantige und querköpfige, ewig quengelnde, miesepetrige Leute nicht leiden konnte, hatte er den letzten Anzug dem jungen und fidelen Konkurrenten Schrapps in Auftrag gegeben. Auch innere Verwandtschaft verpflichtet.

Auf einem Feldweg ging Schrapp am Singhof vorbei. Der Weg berührte noch den Lattenzaun, der den weiten Obstkampen des Hofes umgab. Hier sah Schrapp, dass die schöne und junge Frau Dörfes, Susanne nannte sie sich, gerade eine große Wäsche gehalten hatte. Zwischen den Bäumen hing die Wäsche, höchst ordentlich auf langen Stricken, sanft hin und her geschaukelt im Winde, so weiß im Sonnenlicht, dass sie den Schneider blendete wie Schnee im Winter. Und am Ende der langen Wäscheparade wurden Schrapps Blicke gefesselt von einer bedeutenden Anzahl zierlicher Stücke, die ihm in allen Regenbogenfarben entgegenleuchteten. Das war feinste, modernste Damenunterwäsche, wie man sie in den Schaufenstern guter Geschäfte in der Stadt zu sehen kriegt. Und während Schrapp als Schneider und Mensch die bunten, zierlichen Kinder der Mode betrachtete, dachte er bei sich. Diese Susanne! Die treibt einen rechten Luxus! Ja ja, sie werden immer städtischer, immer vornehmer, diese Bauerntrampel – nicht nur obendrauf – auch drunter - - -
Und der Neid überfiel ihn, dass sein volles, blasses, schwammiges Gesicht sich ins Gelbe verfärbte und einen Ausdruck leidvoller und grämlicher Bitterkeit annahm. Ja, die Bauern! Die hatten Krieg und Nachkriegszeit besser überstanden als andere fleißige Leute. Wenn es doch auch denen einmal schlecht ginge! Aber den Pitter Dörfe würden auch die schlechtesten Zeiten nicht gefährden, der stand zu fest, der hatte beim Herrgott einen besonders großen Stein im Brett. Was der auch nur tat und anfasste, verwandelte sich in Segen. Kein Wunder, dass dieser Tölpel dauernd lacht! Der braucht sich nicht mit vielwilligen und knickrigen Kunden herumzuärgern, der hat keine gefährliche Konkurrenz, dem läuft noch nicht einmal der hässliche Vorwurf nach, dass er in den bösen Nachkriegsjahren nur gegen Vitamine gearbeitet habe. Mit all dem hat der nichts zu tun. Und es wächst ihm weiter in den Ställen und auf den Feldern geradezu ins Maul. Dem fliegt ein junges, schönes Weib für ein altes ins Haus, während ich meinen schrumpfigen Drachen behalte und mich mit ihm herumschlagen muss wohl bis ans Lebensende.

Mit solchen und ähnlichen Gedanken erreichte Schrapp den Kronenwirt und es wollte der Zufall, dass er als einzigen Gast im Wirtszimmer den Bauern Dörfe fand. Der saß da breit, behäbig und fest hinter einem Bier, eine qualmende Pfeife im Mund, in dem gesunden, frischen, sonnenverbrannten Gesicht einen Abglanz voller Zufriedenheit. Dieses Bild des Bauern fiel dem eintretenden Schneider gleich auf die Nerven. Kaum brachte er einen Gruß über die Lippen. Stumm nahm er Platz am Tische und schien die freundlichen Begrüßungsworte des Wirts ganz zu überhören. Sogar der Anblick des heiß ersehnten, herb duftenden, schaumbekrönten Biers, das der Wirt vor ihn hinstellte, konnte seinem dunklen Gesicht keinen helleren Schein verleihen.

Gerade wollte er das Glas an die dürstenden Lippen setzen, da erstarrte er. Der Mund wurde schmal, die Stirne faltig, die Augen rollten in den Höhlen. Denn in diesem Augenblick empfand er wieder den Stich des Flohs. Er fuhr sich mit der geballten Linken über die Stelle, wo er den Floh gespürt; dann trank er mit wütender Gier sein Glas aus. Aber den Trank, auf den er sich so lange gefreut, hatte ihm der Flohstich gründlich verdorben. Hatte er nun nicht allen Grund, vor Zorn und Wut aus der Haut zu fahren? Dieser kleine braune Teufel war klüglich einer Jagd in der freien Natur ausgewichen, indem er sich auf dem ganzen Spaziergang nicht gemuckst hatte – jetzt aber, in der Wirtsstube, glaubte er, seine kannibalische Schmarotzerarbeit gefahrlos fortsetzen zu können.
Der Wirt erkundigte sich teilnehmend, ob ihm etwas quer gehe, ob er krank, ob das Bier nicht gut sei. Schrapp schüttelte knurrend den Kopf. Endlich gestand er schimpfend sein Malheur. Als darauf der Bauer und der Wirt laut zu lachen anhuben, verschlechterte sich die Laune des Schneiders noch mehr. Es sei ein rechtes Elend auf dieser Welt, sagte er; wenn man hoffe, einmal den Mühen und Sorgen des Geschäfts entkommen zu sein und sich ungestört dem Genuss eines Bieres hingeben zu können, dann käme so ein dreimal verdammtes Biest von einem Floh und zersteche einem alle Ruhe und Freude.
„Tjä“, sagte der Wirt, „so ein Floh folgt seinen Instruktionen – er muss so handeln, wie’s ihm aufgetragen worden ist.“
Dem Schneider war’s, als habe sich die winzige, blutdürstige Bestie auf dem Spaziergang ausgeruht und steche nun mit doppeltem Eifer und vermehrter Kraft. Mit zornigem Jucken versuchte er, sich gegen die Stiche zu wehren. Der Floh hatte das Feld seiner Tätigkeit jetzt auf die wohlgerundete und stattliche Schattenseite des Schneiderleibes verlegt. Wütend rief Schrapp aus:
„Instruktionen! Hähä, Instruktionen! Sage mir einer, wozu sind diese verdammten Flöhe überhaupt da? Weshalb hat uns Gott solch elende Quälgeister in die Welt gesetzt? Jaja, das sag mir einer!“
Der Wirt lächelte dünn und sah den Schneider aus knifflichen Äuglein an. Er hatte nur zwei Gästen aufzuwarten und deshalb Zeit genug, auf die Fragen Schrapps näher einzugehen:
„’s wäre eine Aufgabe für unsern Pfarrer, dir zu antworten, Anton. Ja, wofür ist das Ungeziefer da? Tjä, es ist eben da – man muss sich damit abfinden.“
Der Wirt sagte das, hinter dem Schanktisch stehend, und er hatte sich währenddem einen mit Waldmeister gewürzten Schnaps eingegossen. Nun führte er das im Dorf geschätzte Getränk zum Munde und blinzelte dabei dem Bauern Dörfe verschmitzt zu. „Prosit!“ Pitter Dörfe nahm mit schmunzelndem Behagen sein Bier und trank dem Wirt zu.
„Das mit dem Floh ist übrigens ein Ereignis“, fuhr der Wirt fort, nachdem er sein Gläschen geleert, im Wasserbecken gereinigt und auf den blanken Schanktisch zurückgestellt hatte. „Ein Floh in Deutschland! Man müsste die Zeitung und die Polizei benachrichtigen.

Im Krieg hab ich sie kennengelernt, diese braunen Verbrecher. Wie kann sich aber heute noch einer in unser Dorf verspringen?“
„Lass dein dämliches Gerede!“, brummte Schrapp. „Ich hab’ einen Floh und frage: Wofür dieses vermaledeite Zeug? Weshalb ist es da?“ Jetzt schien der Floh wieder gewandert zu sein, um an einer anderen Stelle eine Stich- und Kostprobe zu machen. „Ah, verdammtes Luder!“, fluchte der Gequälte und war weiter bemüht, durch eifriges Kratzen das Tier bei seiner Mahlzeit zu stören.
Der Wirt zuckte mit den Schultern und wiederholte, nachdenklich vor sich hinnickend: „Tjä, wofür ist das Ungeziefer da?“
Pitter Dörfe rief lachend:
„Da könnte man auch fragen, wofür ist das Unkraut da – und Blitz und Sturm, Flut und Hagel?“
„Ganz recht, Pitter“, pflichtete der Wirt dem Bauern bei. „Unkräuter und Ungeziefer, die kann man getrost zu den Naturgewalten zählen. Und der Schöpfer – das scheint mir einleuchtend – will haben, dass wir im Kampf damit unsere Kraft beweisen und immer wieder erproben. Er hat uns mit Verstand in die Welt gesetzt, damit wir die uns feindlichen Elemente bändigen. Die Naturgewalten halten uns wach und lebendig – sie machen, dass wir keinem stehenden und sumpfigen Gewässer gleichen, sondern einem klaren und munter sprudelndem Quell. Also hat auch das Ungeziefer, meiner Ansicht nach, eine bedeutende Mission zu erfüllen.“
Der Wirt sprach mit gutmütigem Spott. Er dachte und las viel in seinen Mußestunden und war immer bemüht, mit dem Licht seines Geistes in die dunklen Schatten des Lebens vorzudringen.
„Ich danke für diese Mission!“, schrie der Schneider. „Meinen Floh wünsche ich dir auf den Buckel! Ich kann schneidern ohne die Hilfe von Flöhen!“
Der Wirt hatte die Hände auf den Rücken gelegt und kam langsam an den Tisch.
„Tjä, schneidern! Das kannst du ohne einen Floh – stimmt! Im Geschäftlichen macht uns der Selbsterhaltungstrieb fleißig – und auch die Konkurrenz!“
Da schlug Schrapp mit der Faust auf den Tisch, dass es knallte und klirrte. Das Wort „Konkurrenz“ konnte ihn noch mehr in Wut bringen als die Stiche eines hartnäckigen Insekts. „Schweigt mir von der Konkurrenz! Da sind mir die Flöhe noch lieber!“
Die beiden gehorchten ihm willig. Es trat minutenlang eine peinliche Stille ein. Dörfe trank gemächlich sein Bier aus und ließ sich vom Wirt ein Neues bringen. Und nachdem er auch davon einen Zug getan, meinte er bieder:
„Wir leben nicht im Paradies. Man muss sich mit den Disteln und Dornen abfinden, die einem wachsen. Immer wieder muss man sie ausstechen. Was kann man dran ändern, wenn’s einem ins Heu regnet? Vom Fluchen wird’s net besser.“
„Recht haste, Pitter“, stimmte der Wirt dem Bauern bei, „vom Fluchen wird’s net besser, nur schlimmer. Um’s Fluchen kümmert sich auch ein Floh keinen Deut. Bei ihm hilft, wie bei manchem im Leben, nur die Tat. Anton, es bleibt dir nichts anderes übrig: Du musst auf die Jagd gehen. Ich will dir ein Zimmer zur Verfügung stellen. Und wenn du das Wild erlegt hast, wollen wir uns freuen wie Jäger über eine gute Beute.“
„Lasst euer foppendes Geschwätze!“, murrte der Schneider. „Ihr könnt mich nicht hochsticheln!“
„Das wollen wir auch gar net“, erwiderte Dörfe, „das tut wohl der Floh ganz allein.“
„Wir wollen doch nur, Anton, dass du den Stichler loswirst“, meinte der Wirt. „Es ist wahrlich nicht angenehm, einen gequälten Menschen als Gast zu haben. Ich biete dir ein Zimmer an, sogar auf die Gefahr hin, dass dir der Floh entweicht und nachher auf meiner Gerechtigkeit sein übles Geschäft betreibt.“ Doch Schrapp, durch den Floh und die Gesellschaft eines untreu gewordenen Kunden von allen guten Geistern verlassen, schlug das Angebot des Wirtes aus und fuhr fort, mit der Welt und ihrem Schöpfer zu hadern:
„Nee, in einem Paradies leben wir nicht; da hat der Pitter ein wahres Wort gesprochen. Puh, diese dreckige, diese verlogene Welt! Hab bald die Nase voll davon! Schon seit vielen Jahren hab ich mir den Kopf darüber zerquält: Weshalb all die Schmerzen, aller Jammer, all die Untucht auf dieser Erde? Gott hätte es doch auch viel besser einrichten können! Er ist doch allmächtig! Weshalb hat er’s nicht getan, frage ich. Weshalb schickt er mir heute ein solches Vieh aufs Fell? Man sieht immerzu die höllischen Schatten im Leben und fragt: Weshalb?“
Pitter Dörfe schüttelte verständnislos den Kopf.
„Du scheinst nur die höllischen Schatten zu sehen, Anton. Muss sagen, mich verkühlen diese Schatten nicht, besonders nicht an einem so schönen Tag wie heute.“
Der Wirt nickte.
„Weshalb soll man den Blick immer nur auf das Hässliche im Leben lenken? Es gibt doch auch viel wunderbar Schönes! Wer immer nur das Schlechte sieht, muss ja allmählich mit Leib und Geist dem Schlechten verfallen. Ein Dummkopf, der nur noch Finsternis und kein Licht mehr sieht! Ein solcher kann ja seines Lebens nie mehr froh werden, nach den bösen Zeiten, die wir mitgemacht. Dem gefällt das sonnigste Wetter nicht mehr, dem wird der beste Wein sauer, dem wird die schönste Frau der Welt - - -“
„Ah, schweig mir schon von den Weibern!“, fiel ihm Schrapp ins Wort, durch einen neuen Angriff seines Flohs erbost. „Die Frauen?! Die können mir gleich
gestohlen sein. Von ihnen weiß ich ein Liedchen zu singen. Eine gibt mir genug zu tragen. Schönste Frau - hähä!"
gestohlen sein! Von ihnen weiß ich ein Liedchen zu singen. Eine gibt mir genug zu tragen. Schönste Frau – hähä!“
Der vorletzte Satz entsprach der Wahrheit, keiner der beiden Zuhörer bezweifelte es. Schrapp hatte einen wahren Hausteufel. Doch welche Frau wäre ein sanftmütiger Engel geblieben neben einem Manne, der immer und immer nur zu fluchen und zu schimpfen weiß?
„Man kann nicht alle über einen Kamm scheren“, behauptete Dörfe.
„Quatsch! Es ist eine wie die andere! Eine Bande! Das ganze Weibervolk ist sich gleich!“
So erhielt das Thema eine leichte Wendung. Schrapp goss den Essig seiner Laune über die armen Frauen aus und verstieg sich schließlich zu der Behauptung, die Treue der Frauen, besonders der schönen, sei nur ein Hirngespinst der Dichter und sonstiger Fantasten, in Wirklichkeit bestehe diese Treue überhaupt nicht. Alle ohne Ausnahme seien bereit, verbotene Frucht zu essen, wenn sie ihnen greifbar und wenn sie es heimlich tun könnten. Der Wirt und der Bauer, die beide ihre Lebensgefährtinnen hoch schätzten und nicht den geringsten Zweifel in ihre Tugend legten, schüttelten die Köpfe.
Der Wirt rief schließlich aus:
„Aber, Anton, wir haben doch genug treue Frauen im Dorf!“
„Bah, nicht eine Einzige!“
„Nicht eine Einzige?“
„Nee, keine!“
Da verlor der Bauer Dörfe sein heiteres und lachendes Gesicht; er runzelte die Stirn und fragte:
„Soll etwa meine Frau auch untreu sein?“
Schrapp kniff ein Auge zu und stieß ein helles und spitzes Lachen aus. Hämisch grinste sein Mund und zweifelsschwer wiegte er den Kopf hin und her. Dann zog er die Brauen in die Stirn und zuckte mit den Schultern.
„Hähä, wer weiß? Die Susanne ist schön und noch gefährlich jung. Gefährlich jung, sage ich. Du, Pitter, glaubst natürlich felsenfest an ihre Treue – ich aber würde die Hand nicht für sie ins Feuer legen! Nee, das tät ich nicht!“
Damit hatte Schrapp den Bauern an der verwundbarsten Stelle getroffen. Dörfe reckte sich hinter dem Tisch ein wenig auf.
„Das soll doch nicht heißen, Anton, dass meine Frau - - - ?“
„Oh, nichts soll das heißen, Pitter! I bewahre! Gar nichts soll das heißen! Wir sprechen doch nur im Allgemeinen – hähä -“
Während der Schneider noch höhnisch lachte, stieß eine Horde junger Burschen die Tür auf und polterte mit Lachen und Schwatzen in die Unterhaltung der Männer. Der Wirt bekam Arbeit und das Gespräch über Frauentreue stand still. Die neuen Gäste redeten laut über Sportereignisse des Sonntags und über ein bevorstehendes Volksfest im Dorf. Das alles interessierte den Schneider nicht. Und da ihn der Floh noch immer schikanierte, zog er bald seine Geldtasche, zahlte und verließ mit einem mürrischen Gruß die Wirtsstube....

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