Doktor Schock
Keltenring
Wandulf der Waldschmied
Der Floh des Schneiders Schrapp
Der Druide und seine Opfer
Der Wolfsziegel
Gräfin Potocki
Der Ochsenmillionär
Lugge looh
Willi und ... Ostseepiraten

Gräfin Potocki

An einem Frühlingstage des Jahres 1784 ritt der spanische
Gesandte am osmanischen Hof in Konstantinopel,
Marquis de Barry, mit seinem Ersten Rat auf arabischen
Vollbluthengsten aus dem vornehmen Stadtviertel Pera
hinab zum Schiffsladeplatz Galata, in den Mittelpunkt
des Großhandels am Bosporus.
Die Sonne überflutete mit ihrem blendenden Licht die
zahlreichen Hügel am Marmarameer, sie spiegelte sich
in den grünen Wellen des „Goldenen Horns“ und tauchte
alles in eine gleißende Flut von silbern schimmernden
Strahlen. Der prächtige Marmorpalast Dolmabagtsche
stand wie ein gigantischer Bau aus Silber in der Helle des
frühen Tages. Auf den goldenen Kuppeln der Hagia Sophia
und der Suleiman-Moschee schien aller Glanz des
Himmels zu ruhen. Die farbenfrohe Stadt am Bosporus
lag in ihrer ganzen Pracht zu Füßen der beiden Reiter,
und nichts wirkte düster an diesem frohen Morgen als
der gewaltige, von den Genuesern erbaute Rundturm am
Hafen von Galata, Wahrzeichen des Großhandels an dem
uralten Seeweg vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer.
Der Gesandte hatte in einer Agentur der Rothschilds
Geldgeschäfte zu besorgen, und als dies geschehen war,
ritt er, gefolgt von seinem Rat, in die dunklen Bezirke
des Hafenviertels, das größtenteils von Griechen bewohnt
war.
Der Rat kannte die Gewohnheiten des Marquis zur
Genüge, der es liebte, oft absonderliche Wege einzuschlagen,
die ihn auf Territorien führten, wo der Pulsschlag
des geschäftigen Lebens am stärksten zu spüren
war.
Die Rosse trabten munter durch die engen Gassen.
Vor den alten Häusern standen Händler und boten
schreiend ihre Waren an. Die kostbaren Pferde und die
reiche Gewandung der Reiter erregten Aufsehen in dieser
Gegend menschlicher Armut und Bedürftigkeit. Der
Rat war nicht sonderlich erbaut von diesen abseitigen
Exkursionen. Die Düfte, die ihm aus den zahlreichen
schmutzigen Läden und Basare, wie auch aus den offenstehenden
Eingängen der Häuser entgegenwehten, störten
empfindlich seinen verwöhnten Geruchssinn. Sogar
sein Pferd, das sich im Trubel der Gassen öfter aufbäumte
und Schaum vor den Nüstern zeigte, schien sich nicht
besonders wohl zu fühlen.
Nun machte gar der schmächtige und reiche Diplomat
vor einer spielenden Kinderschar noch Halt, und der
Rat sah, wie ein Mädchen, das etwa dreizehn oder vierzehn
Jahre alt sein mochte, vor das Ross des Gesandten
sprang und lachend die Zügel erfasste. Er ritt an die Seite
seines hohen Chefs, um die Belästigung abzuweisen,
aber de Barry winkte lächelnd mit der Hand ab und stieg
vom Pferde.
Der Gesandte stand in tiefster Bewunderung vor
dem Mädchen, das ihm mit strahlenden dunklen Augen
freundlich ansah, ein Kind noch, dem ein großartiger
Scherz gelungen war. In der Gasse lief viel Volk zusammen, es entstand ein Menschenaufl auf, und die beiden
Rosse waren bald umringt von einer Menge müßiger
Gaffer und Händler, die den beiden Spaniern mit lebhaften
Gebärden allerlei Verkäufliches anzubieten suchten.
Der Blick de Barrys hing noch immer wie gebannt an
der Erscheinung des jungen Mädchens. Es war von seltener
Schönheit und Grazie. Sie schien eine Elfengestalt zu
sein, von einem fremden Gestirn wie ein bezauberndes
Licht in die dunkle Armseligkeit der Gasse geschwebt.
Ihre Glieder waren adliges Ebenmaß. Tiefschwarzes
Haar umrahmte ein ovales Gesicht. Der geöffnete Mund
mit den schön geschwungenen Lippen zeigte zwei Reihen
schimmernder schneeweißer Zähne. Der edle Ausdruck
dieses wundersamen Gesichts strömte einen unsagbaren
Zauber aus. In der dunklen Glut ihrer Augen lag ein
seltsames Leuchten. Der Abglanz einer reinen heiteren
Seele sprach aus ihnen. Sie stand in ihrer schlanken Gestalt
vor dem Gesandten, wiegte sich in den schmalen
Hüften, und als sie sah, mit welchem Ernst der Blick des
vornehmen Herrn auf ihr ruhte, wurde sie betroffen und
bat mit leiser, um Vergebung bittender Stimme, ihr Tun
zu entschuldigen.
Der Gesandte trat dicht vor sie hin, nahm ihre Hand
vom Zügel fort und hielt sie fest. Offen und freimütig sah
sie in seine Augen.
„Wie heißt du?“, fragte er sie.
„Sophie“, entgegnete sie mit klangvoller heller Stimme.
„Bist du eine Türkin?“
„Nein!“
„Eine Griechin?“
„Man sagt es. Aber niemand weiß es!“
„Weißt du es selbst nicht?“
„Nein!“
Jetzt glitt ein Schatten, wie von Trauer gefüllt, über
ihr Gesicht. Aber gleich fand sie ihre Heiterkeit wieder.
„Wo wohnst du denn, Sophie?“
Sie wandte sich um und zeigte mit der Hand nach einem
Hause ganz in der Nähe.
„Leben deine Eltern noch?“
„Ich wohne dort mit meiner Mutter!“
Da drängte sich ein Händler an die beiden heran.
„Es ist nicht ihre Mutter, hoher Herr“, sagte er. „Sophie
weiß nichts von ihrer Mutter. Ein Sturm hat sie
hierher geführt!“
Er klopfte mit den Fingern auf seine Lippen, um
anzudeuten, dass dies ein Geheimnis sei. Sophie hatte
seine Worte nicht gehört, sie streichelte mit der linken
Hand den Hals des rassigen Pferdes.
Der Marquis ließ keinen Blick von ihr, er war hingerissen
von ihrem Wesen und ihrer Schönheit. Er hielt
noch immer ihre rechte Hand fest. Als sich ihre Blicke
wieder trafen, sagte er voller Ergriffenheit: „Du bist ein
gutes Kind, Sophie! – Was wünschst du dir?“
„Ein solches Pferd, hoher Herr – oder ein Boot, das
auf den Wellen des Meeres schaukelt, bei Tage unter der
Sonne und bei Nacht unter dem silbrigen Mond!“
„O, du hast romantische Einfälle. Kann niemand deine
Wünsche erfüllen?“
„Nein! – Meine Mutter ist arm – ich bin arm wie der
Vogel im Gezweig unter den Blüten!“
Da zog der Gesandte eine Börse aus seiner Brusttasche
und legte sie behutsam in ihre Hand. Es klirrte
Gold darin.
„Ein Pferd kannst du dafür kaufen, Sophie. Auch ein
kleines Boot. Hüte dich aber vor einem Sturm. Die Elemente
sind selten gnädig. Und ein eisiger Hauch verdirbt
zuerst immer die schönste und zarteste Blüte!“
„Dank, edler Herr!“
„Gehab dich wohl, reizendes Kind. Es war mir ein
Vergnügen. Du hast mich in einen kleinen Himmel sehen
lassen!“
Er schwang sich auf seinen Hengst. Die Menge stob
auseinander und die beiden Rosse trabten weiter. Auf
dem Heimritt sagte der Gesandte zu seinem ersten Rat:
„Ein den Göttern entschwundener Liebling scheint sich
in diese Gasse verirrt zu haben. Wir können nur in Verzückung
vor solch einem Wesen stehen. Welche Pracht
der Augen! – Welche Tiefe in ihren Blicken! – Welche
Melodie in ihrer Sprache! – Alles an ihr scheint Harmonie
zu sein. Ein Sturm habe sie in diese Stadt geweht,
sagte der Händler. Also kommt sie vom Meere. Ich werde
mich näher nach ihr erkundigen, mein guter Rat!“
*
„Du bist mit deinem Herzen immer noch in Galata,
mein Liebling“, sagte de Barry zärtlich, nahm ihre Hand
und streichelte sie. „Deine Liebe gehört der stillen dunklen
Gasse – den Menschen, bei denen du aufgewachsen
bist. Ich glaube, du hast mit deiner Seele nie so recht den
Weg zu mir gefunden. Und doch kam die Sonne mit dir
in mein Haus. Noch nie war ich so glücklich, als in diesen
letzten drei Jahren. Ich glaube nicht, dass ein Vater
sein Kind mehr lieben kann, als ich dich liebe, nein, ich
liebe dich mehr, ich fühle, wie diese Liebe zu dir von
Tag zu Tag wächst, wie sie mich ganz ausfüllt im Wachen
wie im Traum. Du musst Galata vergessen, Kind.
Deine Tränen, die du vergossen hast, sind getrocknet.
Setze deiner Dankbarkeit nun eine Grenze. Du warst in
jenem Viertel ein Stern in der Dunkelheit des Lasters
und des Elends – ein Stern, dessen Licht in der kalten

Unbarmherzigkeit des Daseins bald erloschen wäre.“
„Was soll ich vergessen?“ fragte sie und ihr Blick
hing gebannt an seinen Lippen.
„Dein ganzes früheres Leben. Das Schicksal, das unbarmherzige,
ist grausam genug mit dir verfahren. Diese
dunkle Epoche musst du aus deinem Gedächtnis streichen!“
„Ich kann nicht vergessen. Die Leute waren alle gut
zu mir. Warum soll ich nicht an Menschen zurückdenken,
die mir Gutes taten? Die Mutter arbeitete für mich,
sie opferte sich für mich auf. Sie trug Lasten, unter denen
sie fast zusammenbrach. Das habe ich als Kind jeden
Tag gesehen. Sie brachte mir Brot und reichte es mir
aus schwieligen Händen und mit gekrümmtem Rücken.
Sie weinte vor Glück, wenn sich satt und zufrieden war.
Die Händler gaben mir Orangen, Äpfel und Nüsse, und
frische große Trauben von den Rebstöcken!“
„Auch ich habe dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen,
mein Schatz. Du dankst jenen mehr, die dir weniger
gaben! Du gingst wohl gerne mit mir nach Pera!“
Sophie hörte aus der Stimme de Barrys, dass er sich
verletzt fühlte.
„Wir blieb nur eine Wahl“, sagte sie freimütig. „Mutter
Zogesku war alt geworden – sie konnte nicht mehr
wachen und keine Lasten mehr tragen. Ich ging von ihr,
weil sie für sich selbst kaum noch zu leben hatte und –
weil ich ihr helfen konnte. Nun ist alles vorbei. Sie wird
weinen, bis ihre Augen erblinden. Und meine
Freundinnen werden nicht mehr singen und lachen,
weil ich von ihnen gegangen bin.“
Der Gesandte hielt noch immer ihre Hand fest. Er
saß neben ihr und nahm die verführerischen Reize ihres
herrlichen Körpers in sich auf, mit einer nie gekannten,
ihn fast in einen

Taumel reißenden Wolllust, die seine
Sinne verwirrte. Seine Blicke saugten sich an ihr fest,
die stets geröteten Augen waren voller Begierde.
„Vielleicht bin ich undankbar gegen dich, Papu“, fuhr
sie mit trauriger Stimme fort. „Dann bitte ich dich um
Vergebung. Die Abreise ging fast überstürzt schnell vor
sich. Das hat mich in Furcht versetzt. Ich hatte nie daran
gedacht, Pera und Galata einmal verlassen zu müssen.
Ich war glücklich, und über Nacht wurde ich unglücklich.
Ich habe schon soviel verloren in meinem kurzen
Leben!“
Am sechsten Tag ihres Aufenthaltes waren der General
und Sophie zur Audienz bei der Kaiserin erschienen.
Die greise, aber noch geistig sehr rege Monarchin
empfing die beiden sehr huldvoll. Diesem zeremoniellen
Akt, der kaum zehn Minuten dauerte, folgte die Einladung
der Kaiserin zu einer Soiree.
Die große Katharina, die solche Abendgesellschaften
in ihrem Palais in kleinem Kreise besonders schätzte
und liebte, begrüßte mit herzlicher Sympathie Sophie
und den General, und die ungezwungene Art, in der sie
sich bei solchen Gelegenheiten ihren Gästen zeigte, ließ
ihr das Herz der jungen Gräfin de Witt von erster Stunde
an in Liebe und Verehrung entgegenschlagen. Sie fühlte,
dass es der bisher größte und ereignisreichste Tag ihres
jungen Lebens war.
Sie saß neben der hohen Frau, sah ihre noch klaren
und lebhaften großen Augen, die souveräne Haltung und
den bis in die Tiefe reichenden Blick einer Kaiserin, die
über ein Land gebot, das größer war als ganz Europa
mit seinen zahlreichen Königtümern. Und diese gewaltige
Autorität, diese Konzentration höchster irdischer
Machtfülle in einer Person, machte Sophie keineswegs
befangen, auch nicht der sie umgebende majestätische
Prunk. Ihr Gemahl stand im Kreise hoher Offiziere und
unterhielt sich lebhaft mit dem Kriegsminister.
Neben der Kaiserin stand der junge Graf Felix Potocki,
der sich der besonderen Gunst der Monarchin erfreute.
Er war fünfundzwanzig Jahre als und gehörte
dem ältesten und angesehensten polnischen Adel an.
Graf Potocki war eine auffallend glänzende Erscheinung,
männliche Schönheit und würdevolle Haltung
zeichneten ihn besonders aus. Ein aristokratischer
Mensch in allen Gedanken und Handlungen, ein Mann
von lauterster Gesinnung und idealsten Bestrebungen,
verband er mit diesen hervorragenden charakterlichen
Eigenschaften eine hochkultivierte Lebensart. Von seiner
hohen Stirn lag tiefschwarzes Haar gewellt über
den Nacken hinab bis auf die Schultern. Große dunkle
Augen waren mit träumerischem Glanz auf Sophie
gerichtet, als könnten sie es nicht fassen, soviel frauliche
Schönheit zu schauen.
Sein Blick ruhte wie fragend auf ihr, als gelte es,
ein wundervolles Rätsel der Schöpfung zu lösen.
Um seinen Mund spielte ein Lächeln, wie bei einem
Sterblichen, dem es vergönnt ist, in den Himmel zu
sehen.
„Wir haben viel von Ihnen gehört, Gräfin“, sagte die
Kaiserin freundlich. „Wir schätzen uns glücklich, Sie
einmal bei uns zu sehen!“
„Majestät erweisen mir zu viel Gnade“, erwiderte
Sophie.
„Freude ist keine Gnade, meine Gute, Wenn wir Sie
sehen, wissen wir, welche Armut uns bis heute umgeben
hat. Das klingt seltsam, aber es ist so. Wir hatten
Sie erwartet – Sie werden lange bei uns bleiben!“
Sophie schlug die Augen nieder und senkte den
Kopf.
„Ich kenne Ihr Schicksal, Gräfin“, fuhr die Kaiserin
fort. „Es zwingt uns zur höchsten Teilnahme. Es rührt
an unser Herz. Und was unser Inneres in Schwingung
bringt, sollen wir hüten und pflegen. Es liegt in lichten
Bezirken, in den Gründen unserer Seele, wenn ich so
sagen darf, abseits von allen Unvollkommenheiten, die
uns täglich überfluten und bestürzen. So wie sie jetzt
vor mir sind, habe ich Sie in meiner Vorstellung gesehen,
nein, meine Erwartungen sind weit übertroffen.
Kommen Sie, sehen Sie mich an!“
Ihre Hand reichte zärtlich unter Sophies Kinn, und so
hob sie mit sanfter, mütterlicher Gebärde ihr Haupt.
„Schauen Sie, Graf Felix!“, rief die Monarchin. „Eine
Sonne, nein, viel mehr als eine Sonne! Sagen Sie, wie es
ist, lieber Graf!“
„Ich bin in diesem Falle nicht der Worte mächtig,
meine Gefühle zu äußern, Majestät“, entgegnete Potocki
und verbeugte sich vor der Kaiserin.
„Nun werden ihre Träumereien sinnvoll werden, Graf
Felix“, sagte die Herrscherin lächelnd. „Das freut mich
für Sie. Des Winters Kälte wird ihre Macht verlieren. Ich
weiß, das höfische Leben ist ohne besonderen Reiz.
Meine liebe Gräfin, unser hoch geschätzter Potocki
wollte uns verlassen und auf seine Güter zurückkehren.
Es gefällt ihm nicht mehr bei uns. Ich lasse ihn nicht gehen,
er ist mir wie ein Sohn. Die Sterne liebt er mehr als
seine Krone, die Sprache des Windes versteht er besser
zu deuten als die geschliffenen Wendungen auf den Blättern
diplomatischer Dokumente. Das Rauschen der Wälder
ist ihm Sphärenmusik, und von den Meeren sagt er,
dass sie die Summe aller Tränen seien, die von den Seligen
über das Böse auf Erden vergossen würden. Ist er
nicht ein romantischer Kavalier, unser Graf Potocki?“
Nach sechs Tagen traf der Graf in Moskau ein. Schon
am nächsten Tage hatte er seine Mission beendet. Er
reiste unverzüglich zurück, gönnte sich und seinen Begleitern
nur mittags eine kurze Rast. Auf allen größeren
Stationen wurden die Pferde gewechselt. Um schnellstens
wieder in Petersburg zu sein, übernachtete Potocki
in Ortschaften und auf Gütern, die unweit der Straße lagen,
und es war stets schon dunkel, wenn die Schlitten
auf die Höfe glitten.
Eine rätselhafte Unruhe erfüllte ihn Tag und Nacht.
Er dachte nur noch an Sophie. Ihr Bild stand in seiner
Erinnerung fest und unverrückbar, ein strahlendes magisches
Licht, das ihn unwiderstehlich anzog. Er dachte
kaum an die Schwierigkeiten, die ihm der General bereiten
konnte, und sicher auch bereiten würde. Er wollte
um die erste und entscheidende Liebe seines Lebens
kämpfen, auch wenn er zum gefährlichsten Mittel greifen
musste. Er fühlte, dass er ohne sie nicht mehr leben
konnte. Seine Liebe zu ihr erfasste alle seine Sinne, alle
seine Gefühle, sie ging bis in die Tiefe seines Herzens,
aus dem sie nie mehr schwinden konnte. Sie war wie ein
Rausch, der ihn ganz erfasste, in ungeahnter Stärke.
Sophie liebte den General nicht. Sie hatte ihn nie
geliebt. Graf de Witt hatte sich sozusagen durch einen
Handstreich diese herrliche Frau hörig gemacht, durch
eine Tat, die wohl Sophie aus einer unglücklichen Lage
befreite, die aber für den General wenig ehrenhaft
schien, weil er das seelische Leid Sophies für seine eigenen
Wünsche und Begierden ausgenutzt hatte. Sie, die
Unerfahrene, von einem ungewissen Schicksal geführte,
war einem bitteren Zwang erlegen. Für sie gab es nur
diesen Weg.
Die Art, wie der General den Gesandten abgefertigt
und im wahrsten Sinne vertrieben hatte, war zweifellos
ein unverzeihlicher Verstoß gegen alle Gesetze der
Gastfreundschaft und Noblesse gewesen, ein brutaler Akt,
der auch in dieser, an Gesellschaftsaffären so reichen
Zeit ohnegleichen war. Er glich einer üblen Erpressung,
und als dieses Ereignis mit allen Begleitumständen in
Petersburg bekannt wurde, fand das Verhalten de Witts
offene Ablehnung, und dies trug nicht wenig dazu bei,
seine einst so geachtete und angesehene Stellung zu erschüttern.
Man sprach sogar davon, dass der General den russischen
Popen in jener Nacht gezwungen habe, ihn und
Sophie zu trauen, dass diese Handlung jedoch nach griechisch-
orthodoxem Gesetz ungültig gewesen sei, denn
sowohl der Graf wie auch Sophie gehörten anderen
konfessionellen Gemeinschaften an. Die Ehe war also, bei
Licht besehen, nicht gültig. Das wusste Graf Potocki.
Diese Argumente wollte er dem General gegenüber
ins Feld führen, wenn er vor ihn treten würde mit dem
Ersuchen, Sophie freizugeben. Er rechnete mit dem härtesten
Widerstand de Witts, und es war ihm klar, dass
unter Umständen die Pistolen entscheiden mussten.
Potocki wollte auf schnellstem Wege die Entscheidung
suchen. Als er aber in Petersburg eintraf, hörte
er die ihn niederschmetternde Neuigkeit, dass der General
und Sophie bereits vor drei Tagen die Hauptstadt
verlassen hätten und mit dem Ziel Hamburg abgereist
seien. Im engen Hofkreise ging das Gerücht um, dass
der überhastete Aufbruch de Witts mit seiner Gemahlin
eine fast gewaltsame Entführung Sophies gewesen sei.
Er hatte noch nicht mal Zeit zu Abschiedsbesuchen bei
seinen nächsten Freunden gefunden. Man wusste natürlich
von dem geheimen Verhältnis zwischen Potocki und
Sophie, und die Eingeweihten sahen in den Ereignissen
eine nicht wenig erregende Sensation. Die Kaiserin war
ungehalten über das Verhalten des Generals. Sie, die
Gönnerin des jungen polnischen Grafen, hatte sich eine
andere Lösung gedacht.
Bestürzt über das Geschehene, fasste Potocki einen
verwegenen Plan. Wie war es möglich gewesen, dass der
General aus der Weite der Grenzfestung Kamieniec Podolski
vor ihm nach Petersburg zurückgekehrt war? Er
musste seine Pferde zuschanden getrieben, sich selbst
keine Ruhe und Rast gegönnt haben. Er trieb ein hartes
Spiel mit Sophie, und wusste nicht, dass er trotzdem sein
Spiel verloren hatte.
Er, Graf Potocki, würde ihn auch in England aufspüren,
und seine Angebetete zu finden wissen. Sophie
konnte nur einem für ihr Leben gehören. Sie hatte selbst
entschieden. Kein Land, nicht einmal Erdteile, vermochten
sie von ihm zu trennen.

Potocki war seit drei Tagen unterwegs. Bereits am
zweiten Tage seiner Reise regnete es in Strömen. Tag
und Nacht war der Himmel von dunklen Wolken behangen.
Von Norden her kam ein lauer Wind, der im ganzen
Gebiet zu einer raschen Schnee- und Eisschmelze führte.
Die Wege waren von Glatteis bedeckt.
Der Schlitten des Grafen kam nicht mehr voran, er
blieb immer wieder in Schlamm- und Wasserpfützen
stecken. Durchnässt, frierend, und von einer ihn quälenden
Unruhe immer wieder vorwärts getrieben, kaufte
Potocki kleine, flinke Steppenpferde und leichte Bauernwagen,
und so gelangte er mit zweien seiner zuverlässigsten
Diener am fünften Tage unter übelsten Strapazen
nach Reval.
Das Wetter verschlechterte sich immer mehr. An eine
Weiterfahrt über Land war vorerst nicht zu denken. Die
Wege waren zum Teil überschwemmt. Die über kleine
Flüsse führenden Brücken standen unter Wasser.
In einem Gasthof musste er untätig eine ganze Nacht
verbringen. Am 19. März schiffte er sich auf dem schwedischen
Segelschiff „Gofland“ ein, das am gleichen Tage
von Reval aus nach Rostock in See stach.
Die Einfahrt zum Finnischen Meerbusen war eisfrei geworden.
Die Fahrt ging langsam vonstatten. Das
Schiff trieb westwärts unter einem bleigrauen Himmel.
Die langen Nächte in der Unbehaglichkeit des primitiven
Frachters, die Ungewissheit seines Zieles, und der noch
in Dunkelheit gehüllte Verlauf seines Vorhabens legten
sich schwer auf die Seele Potockis. Die Wogen des Meeres
umspülten drohend die Planken des kleinen Schiffes,
schwarze Wogen, gleich den jagenden Wolken, die in der
Ferne sich auf das Wasser zu senken schienen. Es roch
nach Meer, nach Öl und faulem Tang. Der Wind war
umgeschlagen, er kam von Ost, nass und kalt, und die
Segel klatschten in seinen Stößen und blähten sich auf.
Potocki stand stundenlang an der Reling und spähte
nach West. In seinem Gesicht zeigten sich Trotz und
feste Entschlossenheit. Zorn ergriff ihn, wenn er daran
dachte, dass der General seine über alles geliebte Sophie
in die letzten Stürme des Winters gezerrt, und sie, das
zarte Geschöpf, rücksichtslos der Unbill und den Härten
einer fast zweitausend Kilometer langen Fahrt ausgesetzt
hatte.
Potocki trug einen Pelzmantel nach Tscherkessenart
und Pelzmütze, unter der sein langes schwarzes Haar im
Winde wehte. Seine dunklen Augen starrten in das Wasser,
unbewegt war sein Gesicht. Die Lippen öffneten sich
kaum zu einem Wort, wenn ein Diener sich ihm nahte.
Auf Eisschollen trieben Wildenten und Möwen über die
Wellenkämme, das Schiff segelte unweit der Küste seinem
Ziel zu.




Stefan Utsch: Gräfin Potocki


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