An einem Frühlingstage des Jahres 1784 ritt der spanische Gesandte am osmanischen Hof in Konstantinopel, Marquis de Barry, mit seinem Ersten Rat auf arabischen Vollbluthengsten aus dem vornehmen Stadtviertel Pera hinab zum Schiffsladeplatz Galata, in den Mittelpunkt des Großhandels am Bosporus. Die Sonne überflutete mit ihrem blendenden Licht die zahlreichen Hügel am Marmarameer, sie spiegelte sich in den grünen Wellen des „Goldenen Horns“ und tauchte alles in eine gleißende Flut von silbern schimmernden Strahlen. Der prächtige Marmorpalast Dolmabagtsche stand wie ein gigantischer Bau aus Silber in der Helle des frühen Tages. Auf den goldenen Kuppeln der Hagia Sophia und der Suleiman-Moschee schien aller Glanz des Himmels zu ruhen. Die farbenfrohe Stadt am Bosporus lag in ihrer ganzen Pracht zu Füßen der beiden Reiter, und nichts wirkte düster an diesem frohen Morgen als der gewaltige, von den Genuesern erbaute Rundturm am Hafen von Galata, Wahrzeichen des Großhandels an dem uralten Seeweg vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer. Der Gesandte hatte in einer Agentur der Rothschilds Geldgeschäfte zu besorgen, und als dies geschehen war, ritt er, gefolgt von seinem Rat, in die dunklen Bezirke des Hafenviertels, das größtenteils von Griechen bewohnt war. Der Rat kannte die Gewohnheiten des Marquis zur Genüge, der es liebte, oft absonderliche Wege einzuschlagen, die ihn auf Territorien führten, wo der Pulsschlag des geschäftigen Lebens am stärksten zu spüren war. Die Rosse trabten munter durch die engen Gassen. Vor den alten Häusern standen Händler und boten schreiend ihre Waren an. Die kostbaren Pferde und die reiche Gewandung der Reiter erregten Aufsehen in dieser Gegend menschlicher Armut und Bedürftigkeit. Der Rat war nicht sonderlich erbaut von diesen abseitigen Exkursionen. Die Düfte, die ihm aus den zahlreichen schmutzigen Läden und Basare, wie auch aus den offenstehenden Eingängen der Häuser entgegenwehten, störten empfindlich seinen verwöhnten Geruchssinn. Sogar sein Pferd, das sich im Trubel der Gassen öfter aufbäumte und Schaum vor den Nüstern zeigte, schien sich nicht besonders wohl zu fühlen. Nun machte gar der schmächtige und reiche Diplomat vor einer spielenden Kinderschar noch Halt, und der Rat sah, wie ein Mädchen, das etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein mochte, vor das Ross des Gesandten sprang und lachend die Zügel erfasste. Er ritt an die Seite seines hohen Chefs, um die Belästigung abzuweisen, aber de Barry winkte lächelnd mit der Hand ab und stieg vom Pferde. Der Gesandte stand in tiefster Bewunderung vor dem Mädchen, das ihm mit strahlenden dunklen Augen freundlich ansah, ein Kind noch, dem ein großartiger Scherz gelungen war. In der Gasse lief viel Volk zusammen, es entstand ein Menschenaufl auf, und die beiden Rosse waren bald umringt von einer Menge müßiger Gaffer und Händler, die den beiden Spaniern mit lebhaften Gebärden allerlei Verkäufliches anzubieten suchten. Der Blick de Barrys hing noch immer wie gebannt an der Erscheinung des jungen Mädchens. Es war von seltener Schönheit und Grazie. Sie schien eine Elfengestalt zu sein, von einem fremden Gestirn wie ein bezauberndes Licht in die dunkle Armseligkeit der Gasse geschwebt. Ihre Glieder waren adliges Ebenmaß. Tiefschwarzes Haar umrahmte ein ovales Gesicht. Der geöffnete Mund mit den schön geschwungenen Lippen zeigte zwei Reihen schimmernder schneeweißer Zähne. Der edle Ausdruck dieses wundersamen Gesichts strömte einen unsagbaren Zauber aus. In der dunklen Glut ihrer Augen lag ein seltsames Leuchten. Der Abglanz einer reinen heiteren Seele sprach aus ihnen. Sie stand in ihrer schlanken Gestalt vor dem Gesandten, wiegte sich in den schmalen Hüften, und als sie sah, mit welchem Ernst der Blick des vornehmen Herrn auf ihr ruhte, wurde sie betroffen und bat mit leiser, um Vergebung bittender Stimme, ihr Tun zu entschuldigen. Der Gesandte trat dicht vor sie hin, nahm ihre Hand vom Zügel fort und hielt sie fest. Offen und freimütig sah sie in seine Augen. „Wie heißt du?“, fragte er sie. „Sophie“, entgegnete sie mit klangvoller heller Stimme. „Bist du eine Türkin?“ „Nein!“ „Eine Griechin?“ „Man sagt es. Aber niemand weiß es!“ „Weißt du es selbst nicht?“ „Nein!“ Jetzt glitt ein Schatten, wie von Trauer gefüllt, über ihr Gesicht. Aber gleich fand sie ihre Heiterkeit wieder. „Wo wohnst du denn, Sophie?“ Sie wandte sich um und zeigte mit der Hand nach einem Hause ganz in der Nähe. „Leben deine Eltern noch?“ „Ich wohne dort mit meiner Mutter!“ Da drängte sich ein Händler an die beiden heran. „Es ist nicht ihre Mutter, hoher Herr“, sagte er. „Sophie weiß nichts von ihrer Mutter. Ein Sturm hat sie hierher geführt!“ Er klopfte mit den Fingern auf seine Lippen, um anzudeuten, dass dies ein Geheimnis sei. Sophie hatte seine Worte nicht gehört, sie streichelte mit der linken Hand den Hals des rassigen Pferdes. Der Marquis ließ keinen Blick von ihr, er war hingerissen von ihrem Wesen und ihrer Schönheit. Er hielt noch immer ihre rechte Hand fest. Als sich ihre Blicke wieder trafen, sagte er voller Ergriffenheit: „Du bist ein gutes Kind, Sophie! – Was wünschst du dir?“ „Ein solches Pferd, hoher Herr – oder ein Boot, das auf den Wellen des Meeres schaukelt, bei Tage unter der Sonne und bei Nacht unter dem silbrigen Mond!“ „O, du hast romantische Einfälle. Kann niemand deine Wünsche erfüllen?“ „Nein! – Meine Mutter ist arm – ich bin arm wie der Vogel im Gezweig unter den Blüten!“ Da zog der Gesandte eine Börse aus seiner Brusttasche und legte sie behutsam in ihre Hand. Es klirrte Gold darin. „Ein Pferd kannst du dafür kaufen, Sophie. Auch ein kleines Boot. Hüte dich aber vor einem Sturm. Die Elemente sind selten gnädig. Und ein eisiger Hauch verdirbt zuerst immer die schönste und zarteste Blüte!“ „Dank, edler Herr!“ „Gehab dich wohl, reizendes Kind. Es war mir ein Vergnügen. Du hast mich in einen kleinen Himmel sehen lassen!“ Er schwang sich auf seinen Hengst. Die Menge stob auseinander und die beiden Rosse trabten weiter. Auf dem Heimritt sagte der Gesandte zu seinem ersten Rat: „Ein den Göttern entschwundener Liebling scheint sich in diese Gasse verirrt zu haben. Wir können nur in Verzückung vor solch einem Wesen stehen. Welche Pracht der Augen! – Welche Tiefe in ihren Blicken! – Welche Melodie in ihrer Sprache! – Alles an ihr scheint Harmonie zu sein. Ein Sturm habe sie in diese Stadt geweht, sagte der Händler. Also kommt sie vom Meere. Ich werde mich näher nach ihr erkundigen, mein guter Rat!“ * „Du bist mit deinem Herzen immer noch in Galata, mein Liebling“, sagte de Barry zärtlich, nahm ihre Hand und streichelte sie. „Deine Liebe gehört der stillen dunklen Gasse – den Menschen, bei denen du aufgewachsen bist. Ich glaube, du hast mit deiner Seele nie so recht den Weg zu mir gefunden. Und doch kam die Sonne mit dir in mein Haus. Noch nie war ich so glücklich, als in diesen letzten drei Jahren. Ich glaube nicht, dass ein Vater sein Kind mehr lieben kann, als ich dich liebe, nein, ich liebe dich mehr, ich fühle, wie diese Liebe zu dir von Tag zu Tag wächst, wie sie mich ganz ausfüllt im Wachen wie im Traum. Du musst Galata vergessen, Kind. Deine Tränen, die du vergossen hast, sind getrocknet. Setze deiner Dankbarkeit nun eine Grenze. Du warst in jenem Viertel ein Stern in der Dunkelheit des Lasters und des Elends – ein Stern, dessen Licht in der kalten
Unbarmherzigkeit des Daseins bald erloschen wäre.“ „Was soll ich vergessen?“ fragte sie und ihr Blick hing gebannt an seinen Lippen. „Dein ganzes früheres Leben. Das Schicksal, das unbarmherzige, ist grausam genug mit dir verfahren. Diese dunkle Epoche musst du aus deinem Gedächtnis streichen!“ „Ich kann nicht vergessen. Die Leute waren alle gut zu mir. Warum soll ich nicht an Menschen zurückdenken, die mir Gutes taten? Die Mutter arbeitete für mich, sie opferte sich für mich auf. Sie trug Lasten, unter denen sie fast zusammenbrach. Das habe ich als Kind jeden Tag gesehen. Sie brachte mir Brot und reichte es mir aus schwieligen Händen und mit gekrümmtem Rücken. Sie weinte vor Glück, wenn sich satt und zufrieden war. Die Händler gaben mir Orangen, Äpfel und Nüsse, und frische große Trauben von den Rebstöcken!“ „Auch ich habe dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen, mein Schatz. Du dankst jenen mehr, die dir weniger gaben! Du gingst wohl gerne mit mir nach Pera!“ Sophie hörte aus der Stimme de Barrys, dass er sich verletzt fühlte. „Wir blieb nur eine Wahl“, sagte sie freimütig. „Mutter Zogesku war alt geworden – sie konnte nicht mehr wachen und keine Lasten mehr tragen. Ich ging von ihr, weil sie für sich selbst kaum noch zu leben hatte und – weil ich ihr helfen konnte. Nun ist alles vorbei. Sie wird weinen, bis ihre Augen erblinden. Und meine Freundinnen werden nicht mehr singen und lachen, weil ich von ihnen gegangen bin.“ Der Gesandte hielt noch immer ihre Hand fest. Er saß neben ihr und nahm die verführerischen Reize ihres herrlichen Körpers in sich auf, mit einer nie gekannten, ihn fast in einen |
Taumel reißenden Wolllust, die seine Sinne verwirrte. Seine Blicke saugten sich an ihr fest, die stets geröteten Augen waren voller Begierde. „Vielleicht bin ich undankbar gegen dich, Papu“, fuhr sie mit trauriger Stimme fort. „Dann bitte ich dich um Vergebung. Die Abreise ging fast überstürzt schnell vor sich. Das hat mich in Furcht versetzt. Ich hatte nie daran gedacht, Pera und Galata einmal verlassen zu müssen. Ich war glücklich, und über Nacht wurde ich unglücklich. Ich habe schon soviel verloren in meinem kurzen Leben!“ Am sechsten Tag ihres Aufenthaltes waren der General und Sophie zur Audienz bei der Kaiserin erschienen. Die greise, aber noch geistig sehr rege Monarchin empfing die beiden sehr huldvoll. Diesem zeremoniellen Akt, der kaum zehn Minuten dauerte, folgte die Einladung der Kaiserin zu einer Soiree. Die große Katharina, die solche Abendgesellschaften in ihrem Palais in kleinem Kreise besonders schätzte und liebte, begrüßte mit herzlicher Sympathie Sophie und den General, und die ungezwungene Art, in der sie sich bei solchen Gelegenheiten ihren Gästen zeigte, ließ ihr das Herz der jungen Gräfin de Witt von erster Stunde an in Liebe und Verehrung entgegenschlagen. Sie fühlte, dass es der bisher größte und ereignisreichste Tag ihres jungen Lebens war. Sie saß neben der hohen Frau, sah ihre noch klaren und lebhaften großen Augen, die souveräne Haltung und den bis in die Tiefe reichenden Blick einer Kaiserin, die über ein Land gebot, das größer war als ganz Europa mit seinen zahlreichen Königtümern. Und diese gewaltige Autorität, diese Konzentration höchster irdischer Machtfülle in einer Person, machte Sophie keineswegs befangen, auch nicht der sie umgebende majestätische Prunk. Ihr Gemahl stand im Kreise hoher Offiziere und unterhielt sich lebhaft mit dem Kriegsminister. Neben der Kaiserin stand der junge Graf Felix Potocki, der sich der besonderen Gunst der Monarchin erfreute. Er war fünfundzwanzig Jahre als und gehörte dem ältesten und angesehensten polnischen Adel an. Graf Potocki war eine auffallend glänzende Erscheinung, männliche Schönheit und würdevolle Haltung zeichneten ihn besonders aus. Ein aristokratischer Mensch in allen Gedanken und Handlungen, ein Mann von lauterster Gesinnung und idealsten Bestrebungen, verband er mit diesen hervorragenden charakterlichen Eigenschaften eine hochkultivierte Lebensart. Von seiner hohen Stirn lag tiefschwarzes Haar gewellt über den Nacken hinab bis auf die Schultern. Große dunkle Augen waren mit träumerischem Glanz auf Sophie gerichtet, als könnten sie es nicht fassen, soviel frauliche Schönheit zu schauen. Sein Blick ruhte wie fragend auf ihr, als gelte es, ein wundervolles Rätsel der Schöpfung zu lösen. Um seinen Mund spielte ein Lächeln, wie bei einem Sterblichen, dem es vergönnt ist, in den Himmel zu sehen. „Wir haben viel von Ihnen gehört, Gräfin“, sagte die Kaiserin freundlich. „Wir schätzen uns glücklich, Sie einmal bei uns zu sehen!“ „Majestät erweisen mir zu viel Gnade“, erwiderte Sophie. „Freude ist keine Gnade, meine Gute, Wenn wir Sie sehen, wissen wir, welche Armut uns bis heute umgeben hat. Das klingt seltsam, aber es ist so. Wir hatten Sie erwartet – Sie werden lange bei uns bleiben!“ Sophie schlug die Augen nieder und senkte den Kopf. „Ich kenne Ihr Schicksal, Gräfin“, fuhr die Kaiserin fort. „Es zwingt uns zur höchsten Teilnahme. Es rührt an unser Herz. Und was unser Inneres in Schwingung bringt, sollen wir hüten und pflegen. Es liegt in lichten Bezirken, in den Gründen unserer Seele, wenn ich so sagen darf, abseits von allen Unvollkommenheiten, die uns täglich überfluten und bestürzen. So wie sie jetzt vor mir sind, habe ich Sie in meiner Vorstellung gesehen, nein, meine Erwartungen sind weit übertroffen. Kommen Sie, sehen Sie mich an!“ Ihre Hand reichte zärtlich unter Sophies Kinn, und so hob sie mit sanfter, mütterlicher Gebärde ihr Haupt. „Schauen Sie, Graf Felix!“, rief die Monarchin. „Eine Sonne, nein, viel mehr als eine Sonne! Sagen Sie, wie es ist, lieber Graf!“ „Ich bin in diesem Falle nicht der Worte mächtig, meine Gefühle zu äußern, Majestät“, entgegnete Potocki und verbeugte sich vor der Kaiserin. „Nun werden ihre Träumereien sinnvoll werden, Graf Felix“, sagte die Herrscherin lächelnd. „Das freut mich für Sie. Des Winters Kälte wird ihre Macht verlieren. Ich weiß, das höfische Leben ist ohne besonderen Reiz. Meine liebe Gräfin, unser hoch geschätzter Potocki wollte uns verlassen und auf seine Güter zurückkehren. Es gefällt ihm nicht mehr bei uns. Ich lasse ihn nicht gehen, er ist mir wie ein Sohn. Die Sterne liebt er mehr als seine Krone, die Sprache des Windes versteht er besser zu deuten als die geschliffenen Wendungen auf den Blättern diplomatischer Dokumente. Das Rauschen der Wälder ist ihm Sphärenmusik, und von den Meeren sagt er, dass sie die Summe aller Tränen seien, die von den Seligen über das Böse auf Erden vergossen würden. Ist er nicht ein romantischer Kavalier, unser Graf Potocki?“ Nach sechs Tagen traf der Graf in Moskau ein. Schon am nächsten Tage hatte er seine Mission beendet. Er reiste unverzüglich zurück, gönnte sich und seinen Begleitern nur mittags eine kurze Rast. Auf allen größeren Stationen wurden die Pferde gewechselt. Um schnellstens wieder in Petersburg zu sein, übernachtete Potocki in Ortschaften und auf Gütern, die unweit der Straße lagen, und es war stets schon dunkel, wenn die Schlitten auf die Höfe glitten. Eine rätselhafte Unruhe erfüllte ihn Tag und Nacht. Er dachte nur noch an Sophie. Ihr Bild stand in seiner Erinnerung fest und unverrückbar, ein strahlendes magisches Licht, das ihn unwiderstehlich anzog. Er dachte kaum an die Schwierigkeiten, die ihm der General bereiten konnte, und sicher auch bereiten würde. Er wollte um die erste und entscheidende Liebe seines Lebens kämpfen, auch wenn er zum gefährlichsten Mittel greifen musste. Er fühlte, dass er ohne sie nicht mehr leben konnte. Seine Liebe zu ihr erfasste alle seine Sinne, alle seine Gefühle, sie ging bis in die Tiefe seines Herzens, aus dem sie nie mehr schwinden konnte. Sie war wie ein Rausch, der ihn ganz erfasste, in ungeahnter Stärke. Sophie liebte den General nicht. Sie hatte ihn nie geliebt. Graf de Witt hatte sich sozusagen durch einen Handstreich diese herrliche Frau hörig gemacht, durch eine Tat, die wohl Sophie aus einer unglücklichen Lage befreite, die aber für den General wenig ehrenhaft schien, weil er das seelische Leid Sophies für seine eigenen Wünsche und Begierden ausgenutzt hatte. Sie, die Unerfahrene, von einem ungewissen Schicksal geführte, war einem bitteren Zwang erlegen. Für sie gab es nur diesen Weg. Die Art, wie der General den Gesandten abgefertigt und im wahrsten Sinne vertrieben hatte, war zweifellos ein unverzeihlicher Verstoß gegen alle Gesetze der Gastfreundschaft und Noblesse gewesen, ein brutaler Akt, der auch in dieser, an Gesellschaftsaffären so reichen Zeit ohnegleichen war. Er glich einer üblen Erpressung, und als dieses Ereignis mit allen Begleitumständen in Petersburg bekannt wurde, fand das Verhalten de Witts offene Ablehnung, und dies trug nicht wenig dazu bei, seine einst so geachtete und angesehene Stellung zu erschüttern. Man sprach sogar davon, dass der General den russischen Popen in jener Nacht gezwungen habe, ihn und Sophie zu trauen, dass diese Handlung jedoch nach griechisch- orthodoxem Gesetz ungültig gewesen sei, denn sowohl der Graf wie auch Sophie gehörten anderen konfessionellen Gemeinschaften an. Die Ehe war also, bei Licht besehen, nicht gültig. Das wusste Graf Potocki. Diese Argumente wollte er dem General gegenüber ins Feld führen, wenn er vor ihn treten würde mit dem Ersuchen, Sophie freizugeben. Er rechnete mit dem härtesten Widerstand de Witts, und es war ihm klar, dass unter Umständen die Pistolen entscheiden mussten. Potocki wollte auf schnellstem Wege die Entscheidung suchen. Als er aber in Petersburg eintraf, hörte er die ihn niederschmetternde Neuigkeit, dass der General und Sophie bereits vor drei Tagen die Hauptstadt verlassen hätten und mit dem Ziel Hamburg abgereist seien. Im engen Hofkreise ging das Gerücht um, dass der überhastete Aufbruch de Witts mit seiner Gemahlin eine fast gewaltsame Entführung Sophies gewesen sei. Er hatte noch nicht mal Zeit zu Abschiedsbesuchen bei seinen nächsten Freunden gefunden. Man wusste natürlich von dem geheimen Verhältnis zwischen Potocki und Sophie, und die Eingeweihten sahen in den Ereignissen eine nicht wenig erregende Sensation. Die Kaiserin war ungehalten über das Verhalten des Generals. Sie, die Gönnerin des jungen polnischen Grafen, hatte sich eine andere Lösung gedacht. Bestürzt über das Geschehene, fasste Potocki einen verwegenen Plan. Wie war es möglich gewesen, dass der General aus der Weite der Grenzfestung Kamieniec Podolski vor ihm nach Petersburg zurückgekehrt war? Er musste seine Pferde zuschanden getrieben, sich selbst keine Ruhe und Rast gegönnt haben. Er trieb ein hartes Spiel mit Sophie, und wusste nicht, dass er trotzdem sein Spiel verloren hatte. Er, Graf Potocki, würde ihn auch in England aufspüren, und seine Angebetete zu finden wissen. Sophie konnte nur einem für ihr Leben gehören. Sie hatte selbst entschieden. Kein Land, nicht einmal Erdteile, vermochten sie von ihm zu trennen.
Potocki war seit drei Tagen unterwegs. Bereits am zweiten Tage seiner Reise regnete es in Strömen. Tag und Nacht war der Himmel von dunklen Wolken behangen. Von Norden her kam ein lauer Wind, der im ganzen Gebiet zu einer raschen Schnee- und Eisschmelze führte. Die Wege waren von Glatteis bedeckt. Der Schlitten des Grafen kam nicht mehr voran, er blieb immer wieder in Schlamm- und Wasserpfützen stecken. Durchnässt, frierend, und von einer ihn quälenden Unruhe immer wieder vorwärts getrieben, kaufte Potocki kleine, flinke Steppenpferde und leichte Bauernwagen, und so gelangte er mit zweien seiner zuverlässigsten Diener am fünften Tage unter übelsten Strapazen nach Reval. Das Wetter verschlechterte sich immer mehr. An eine Weiterfahrt über Land war vorerst nicht zu denken. Die Wege waren zum Teil überschwemmt. Die über kleine Flüsse führenden Brücken standen unter Wasser. In einem Gasthof musste er untätig eine ganze Nacht verbringen. Am 19. März schiffte er sich auf dem schwedischen Segelschiff „Gofland“ ein, das am gleichen Tage von Reval aus nach Rostock in See stach. Die Einfahrt zum Finnischen Meerbusen war eisfrei geworden. Die Fahrt ging langsam vonstatten. Das Schiff trieb westwärts unter einem bleigrauen Himmel. Die langen Nächte in der Unbehaglichkeit des primitiven Frachters, die Ungewissheit seines Zieles, und der noch in Dunkelheit gehüllte Verlauf seines Vorhabens legten sich schwer auf die Seele Potockis. Die Wogen des Meeres umspülten drohend die Planken des kleinen Schiffes, schwarze Wogen, gleich den jagenden Wolken, die in der Ferne sich auf das Wasser zu senken schienen. Es roch nach Meer, nach Öl und faulem Tang. Der Wind war umgeschlagen, er kam von Ost, nass und kalt, und die Segel klatschten in seinen Stößen und blähten sich auf. Potocki stand stundenlang an der Reling und spähte nach West. In seinem Gesicht zeigten sich Trotz und feste Entschlossenheit. Zorn ergriff ihn, wenn er daran dachte, dass der General seine über alles geliebte Sophie in die letzten Stürme des Winters gezerrt, und sie, das zarte Geschöpf, rücksichtslos der Unbill und den Härten einer fast zweitausend Kilometer langen Fahrt ausgesetzt hatte. Potocki trug einen Pelzmantel nach Tscherkessenart und Pelzmütze, unter der sein langes schwarzes Haar im Winde wehte. Seine dunklen Augen starrten in das Wasser, unbewegt war sein Gesicht. Die Lippen öffneten sich kaum zu einem Wort, wenn ein Diener sich ihm nahte. Auf Eisschollen trieben Wildenten und Möwen über die Wellenkämme, das Schiff segelte unweit der Küste seinem Ziel zu.
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