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Wandulf der Waldschmied

Wandulf, der Waldschmied

I.

Wandulf, der Waldschmied, lebte im Land der tausend Feuer. Dies Land lag östlich vom mittleren Lauf des Rheinstroms, zwischen Ruhr und Lahn, wo sich die hurtige Sieg durch viele waldbestandene, wirr sich kreuzende Gebirgszüge gen Westen windet. Und auf den Bergen am oberen und mittleren Lauf brannten die Feuer und schickten ihre grauen Rauchsäulen zum Himmel empor. Das Feuer war dort heimischer als sonst irgendwo in deutschen Landen; es war der stärkste Gehilfe des Menschen. Denn nur seine rote Kraft schied das Erz, das die Bergleiber spendeten, in Eisen und Schlacke, und half geschwielten und rußigen Händen das Eisen zu formen zum nützlichen Gebild.
Wandulfs Großvater war schon ein trefflicher Schmied gewesen. Joachim von Dermbach nannte er sich, und er hauste an den südöstlichen Hängen des Hunskopfes, links der Sieg, wo heute noch ein kleines Dorf den Namen Dermbach trägt. In Wohlstand und Ansehen lebte er, bevor die blutige und verhängnisvolle Tat seines Sohnes geschah, die ihm den Tod brachte.
Joachim von Dermbachs Werkstatt und Haus lagen in der Herrschaft eines ehrgeizigen, habgierigen und gewalttätigen Mannes, des Ritters Wippelin von Selbach, dessen schier uneinnehmbare Burg auf der wandsteilen Basaltkuppe des Hohenselbachskopfes thronte, eines der höchsten Berge im örtlichen Teil des Westerwaldes. Dieser Ritter war sonder Zweifel reich zu nennen. Viele Güter und weite Waldungen nannte er sein Eigen; Bauern und Handwerker, Köhler und Bergleute waren ihm hörig, zu Frondienst verpflichtet und zahlten Zins und Steuer. Doch während seine Vorfahren bescheidene Leute gewesen, die klug und ehrlich, gerecht und mit Maß ihren Besitz erhalten und gemehrt hatten, kannte Wippelins Habsucht keine Grenzen. Das reiche Erbe und der beträchtliche Zustrom von Gold und Silber in seine Schatulle, von Vieh und Korn in seine Ställe und Speicher genügten seiner Gier und seinem Ehrgeiz nicht. Immer tiefer griff er in die Geldtaschen der Untertanen, immer mehr raffte er aus ihren Speichern und Ställen, immer stärker ließ er sie schwitzen und keuchen. Er plagte und presste die Menschen aus, dass es nur so eine Art hatte, und benahm sich genau so, als habe der Herrgott Land und Leute nur für eines Ritters Magen und Geldsack geschaffen.
Und niemand wagte wider das blutig strenge und tyrannische Regiment des Ritters, gegen seine grausame Härte und unstillbare Gier aufzumucken. Der Ritter hatte überall ergebene Büttel und Knechte, und wer sich auch nur erkühnte, ein zorniges Wort oder einen Fluch über ihn auszustoßen, der konnte seine Lieben gleich zum Abschied die Hand reichen. Wenn es ihm nicht gelang, ins benachbarte kölnische oder nassauische oder saynische Gebiet zu fliehen, so hatten ihn bald Wippelins Söldner am Kragen. Ein finsteres Loch in einem Turm war ihm auf lange Zeit sicher, ein täglich farbig und blutig geschlagener Leib noch dazu. Manche, die im Zorn gegen die Schergen und Ungerechtigkeiten des Landesherrn angingen, mussten ihre Kühnheit sogar mit dem Leben bezahlen.
Während der Ritter Wippelin seine armen und geplagten Untertanen solcherart schröpfte und ausquetschte und drangsalierte, trieb’s sein ältester Sohn Henner auf eine andere Weise. Er war wild wie die Gießbäche, wenn sie im Tauwind des Frühlings schäumend ins Tal hinabstürzen. Geizig und habgierig wie sein Vater war er nicht – ja, er ließ in lustiger Kumpanei gern die Goldfüchse und Silberlinge in den Schenken springen. Aber der Degen saß bei ihm stets locker in der Scheide. Und gern ging er über die Grenzen der väterlichen Herrschaft hinaus, um auch dort seinen Übermut zu zeigen und auszutoben. Wenn in den benachbarten Städten oder Dörfern eine große Rauferei gewesen war, bei der es blutige Köpfe und zerschlagene Knochen abgesetzt hatte, so konnte man mit Bestimmtheit annehmen, dass auch der Junker Henner dabei gewesen war. Er lachte und sang, er spielte und tanzte, war fröhlich bis ins Morgengrauen hinein; doch sagte ihm einer auch nur ein krummes Wörtlein, so ballten sich gleich seine harten Fäuste, und seine funkelnden Augen schüchterten den Kühnsten ein. Allmählich hüteten sich die mutigsten und stärksten Raufbrüder vom Westerwald und Sauerland, mit ihm anzubinden. Denn er war ein gewandter Fechter und ein Draufgänger von des Teufels Gnaden. Und weit und breit lebten die Mädchen in Furcht vor ihm. So kann es also nicht wundernehmen, dass die Angst vor dem jungen Selbacher kaum geringer war als jene vor dem alten. Ja, es kam soweit, dass die Mütter ihre schreienden Kinder mit den Worten zum Schweigen brachten: „Sei stille, sonst kommt der tolle Henner!“
Da endlich fand der Junker einen Gegner, wo er ihn gar nicht vermutet hätte, nämlich im Machtbereich seines Vaters, in dem sich sonst Jung und Alt vor ihm duckte und seinen Launen beugte. Und ein einfacher Schmied war’s, der ihn niederschlug. Das Land hätte aufgeatmet und Gott und die Kraft des Schmiedes laut gepriesen, wenn er nie mehr aufgestanden wäre. Und viel, viel Unheil wäre dem Lande erspart geblieben. Aber man sagt, Unkraut vergeht nicht und dieses adelige Unkraut hatte auch ein zähes Leben, den Menschen zum Leide und zur Klage. Den Schmied brachte es um Liebe und Heimat, und es warf ihn in einen Strom von Verzweiflung und Not. –
Der alte Schmied Joachim, dessen Kunst im Verfertigen von Waffen und Gerät im ganzen Lande hoch geschätzt war, hatte sich mit seinem zwanzigjährigen Sohn Hiltwin im Spätsommer des Jahres 1315 zu einem Erntefest begeben, zu dem die Bauern seiner Nachbarschaft eingeladen hatten. Das Fest fand statt im Schatten einer breitästigen Linde, nicht weit entfernt von der Werkstatt des Schmiedes. In diesem Jahr waren die Garben schwer gewesen, und die Sonne hatte es gut gemeint zur Erntezeit. Deshalb war die Festfreude der Bauern nicht gering. Am Stamm der Linde hatten die Spielleute ihren Platz, und um sie herum lagerten sich die Bauern mit ihren Weibern und Kindern auf dem nackten Boden oder hockten auf rohgezimmerten Bänken. Flinke Mädchen füllten die Krüge mit Bier, und zum Spiel der Musikanten schwang das junge Volk fleißig das Tanzbein. Dazu boten die Spaßmacher der Gegend ihre lustigen Schnurren und sorgten dafür, dass das Lachen nicht verstummte. Das Fest wäre zu Ende gegangen auf dieselbe Weise wie all die vielen Jahre vorher, wenn nicht plötzlich der gefürchtete Junker auf dem Plan erschienen wäre. Dreist und herausfordernd kam er daher, auf dem Barett eine bunte schwankende Feder und einen langen Raufdegen an der Seite. Ein kurzes gelbes Lederwams umschloss die breite, stark gewölbte Brust, eine Hose aus blauem Tuch die langen starken Beine, und die hochschäftigen Stiefel reichten ihm bis übers Knie. Höhnisch lachte sein Mund, Keckheit und Übermut strahlten aus seiner Miene.
Als der Junker mit seinem Gefolge von Schwelgbrüdern gänzlich unerwartet unter der Linde auftauchte, verstummte das frohe Lachen und Schwatzen der Landleute. Doch der Junker tat so, als ob ihn der jähe Umschwung der Festlaune nicht berührte; mit rauer und spottvoller Stimme rief er: „Wir nehmen uns die Freiheit, ihr hochwohllöblichen Bauernklötze, zu eurem Fest uns einzuladen. Ich bin erfreut über eure heiteren Gesichter. Ja, ihr seht mich gerne, ich weiß, und ihr gönnt mir von Herzen einige Krüglein Bier und ein ehrsames Tänzchen.“
Die Bauern, den jungen und den alten, war verteufelt unbehaglich zumute. Fast unbeweglich hockten sie um die Linde. Die einen hatten Angst, in den anderen war kein geringer Zorn darüber, dass man

ihnen nun auch noch die wenigen frohen Stunden des Jahres verderben wollte. Gern wären sie den ungebetenen Gast, den verhassten Sohn eines noch verhassteren Vaters, los gewesen. Manche Faust ballte sich in der Tasche. Aber wer konnte es wagen, sich gegen den gefürchteten Sohn ihres Herrn zu stellen? – Junker Henner sah die erschreckten Gesichter der Kinder, die Angst und Sorge der Mütter und Mädchen, die ohnmächtige Wut in den Mienen der Männer und Jünglinge. Er lachte breit. Dann tänzelte er dem Platze zu, wo man gerade ein neues Fass Bier angestochen hatte, und rief in befehlendem Ton: „He, ihr Mädels, flink! Bringt uns zu trinken. Wir haben Durst für zehn!“
Schnell füllte man einige Krüge mit Bier, und ängstlich reichten die Mädchen sie den tollen Gesellen. „Auf das Wohl der hochedlen Spender!“, rief der Junker. Und nachdem er getrunken hatte, gebärdete er sich so, als wäre er der Festgeber und kein anderer. Er wandte sich an die Spielleute: „He, ihr Musikanten, soll ich euch helfen? Wollt ihr mich spielen sehen? Nun werdet nicht träge! Spielt flott und faulenzt nicht!“ Hurtig gehorchen die Spielleute. Ihnen schien es ratsamer, den Junker bei guter Laune zu halten, als ihn durch Missachtung seiner Wünsche zu reizen. Denn wenn er in Zorn geriet, das wussten sie, begann er wie ein Teufel zu wüten. Und kaum erscholl Musik, da fielen die Freunde des Junkers über die schönsten Mädchen her und zogen sie zum Tanz. Das brachte manches Blut in siedende Hitze; denn sie fragten die Burschen der Mädchen nicht lange um Erlaubnis, sondern fassten die Dirnen gleich bei den Händen und zerrte sie, die nur schwach zu widerstreben wagten, auf den Tanzboden. Die Bauernburschen knirschten mit den Zähnen vor Wut und auch manchem Alten stieg die Zornesröte ins Gesicht. Doch niemand wagte es, sich der wüsten Bande zu widersetzen. Diese rohen Gesellen ließen nicht mit sich spaßen; sie zogen flugs vom Leder und schlugen unbarmherzig drauf, was das Zeug hielt. Aber das hätte die Bauern, die auch harte und schwere Fäuste besaßen und einer Keilerei nicht auszuweichen brauchten, nicht zurückgehalten; sie fürchteten nur das dicke Ende, wenn sie die Hand gegen den Sohn ihres Herrn erhoben.
Junker Henner sah die Wut der Bauern; doch er lachte. Was schadeten ihm ihre zornroten und grimmigen Gesichter, was das böse Funkeln ihrer Augen? „Hoppla, Freunde, lustig!“, schrie er. Dann sah er sich um. Er wusste, dass ihm die Freunde die schönste Dirn’ nicht fortgenommen hatten. Suchend glitt sein Blick über die Menge. Da hatte er sie entdeckt. Es war die Tochter eines Bauern, Gisla mit Namen, und die Braut des Schmiedesohnes Hiltwin. Schleppenden Schrittes kam der Junker auf das Mädchen zu: „Komm, du schlankes Reh“, sagte er zu ihr, „heute sollst du mit mir springen.“ – „Herr, verzeiht, ich kann nicht – “, stammelte das Mädchen und warf einen verzweifelten, hilfeflehenden Blick auf ihren Bräutigam. „Du kannst nicht, Dirn’?“, fragte der Junker. „So muss ich dir’s beibringen. Komm!“ Und er zog das Mädchen von dem Burschen fort auf den Tanzboden. Der Schmiedesohn saß da wie versteinert. Grau war sein Gesicht, schmal der Mund, und ein gefährlicher Funke glomm in seinen Augen. Plötzlich erhob er sich, schob die Hände in die Hosentaschen und ging mit steifen Schritten der väterlichen Schmiede zu.
Als das Mädchen vom Tanzboden aus sah, dass ihr Bräutigam davonging, riss sie sich mit einem Schrei von ihrem Tänzer los und stürzte dem Schmied nach. Der Junker schien durch die unerwartete Flucht seiner Tänzerin zuerst mehr überrascht als erbost zu sein. Wie konnte es eine solche Bauerndirne wagen, ihm, dem Junker Henner, einfach fortzulaufen, ihn auf dem Tanzplatz stehen zu lassen wie einen abgeschüttelten Liebhaber? – Dann wechselte plötzlich der Ausdruck seines Gesichts. Er verkniff den Mund, zog die Brauen zusammen und stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus.
Die Musik war verstummt. Aller Augen waren auf den Junker gerichtet, als er den Tanzboden verließ. Scheu und ängstlich wichen die Bauern vor ihm zurück. Er stieß mit dem Fuß einen Tisch um, dass das Bier emporspritzte und die Krüge zu Boden klirrten. Dann eilte er mit weiten Sätzen dem Mädchen nach; so schnell lief er, dass seine Freunde ihm nicht zu folgen vermochten.
Er traf das Mädchen vor der Werkstatt des Schmieds. In den Armen des Bräutigams lag es, heftig bebend und schluchzend. „Ich will dich das Tanzen und einen Anstand lehren, du Trampel!“, schrie der Junker in höchster Wut und riss das Mädchen von dem Burschen. Da aber empfing er einen solch fürchterlichen Faustschlag ins Gesicht, dass er zurücktaumelte. Und als seine Rechte nun zum Degen griff fuhr, da hatte der Schmied schon einen langstieligen Hammer ergriffen. Der von dem Faustschlag halb betäubte Junker hatte zwar noch Zeit und Kraft, den Degen zu ziehen, doch bevor er die Waffe gebrauchen konnte, erreichte ihn der Hammer. Er riss ihm eine breite Wunde in Stirn und Wange und traf dann den Arm, der den Degen hielt. Schrill klirrend fiel die Waffe zu Boden, während der Junker in die Knie brach. Das Mädchen hatte schon beim ersten Streich des Schmiedes laut aufgeschrieben; als er nun, rasend vor Zorn, die Waffe wieder hob, um dem Gegner den Kopf zu zerschmettern, warf sie sich schützend vor den Junker, wohl von dem Willen getrieben, ihren Bräutigam vor einer folgenschweren Tat zu bewahren. Doch sie sprang dem Schmied in der entscheidenden Sekunde so unglücklich in den Schlag hinein, der dem Selbacher galt, dass sie der Hammer mit kaum gehemmter Wucht auf den Kopf traf und sie leblos zu Boden stürzte.
Indessen war der alte Schmied mit seinen Gesellen herbeigeeilt, und auch die Freunde des Junkers erschienen auf der Stätte des Unheils. Hinzu kamen auch noch einige Bauernburschen und griffen zu Harken, Beilen, Eisenstangen und Hämmern. Einer der Freunde des Selbachers wurde noch erschlagen, die anderen ergriffen, aus vielen Wunden blutend, die Flucht, nachdem sie den alten Schmied erstochen hatten. –
Kaum war der Kampf vorbei, da erschlafften Wut und Zorn in den Gemütern, und die Ernüchterung ließ die Folgen des Geschehenen riesengroß vor aller Augen treten. Es gab zwar noch mehrere tobende Burschen, die, blind vor Wut und Hass, dem schwer getroffenen Junker den Garaus machen wollten; aber sie wurden von alten und besonnenen Männern zurückgehalten, denen das Unheil des Tages schwarz genug war und die Sorge um Haus und Weib und Kind in den Herzen brannte. Und diese Sorge ließ bald die Weiber und Kinder heulen und die Männer klagen. Um die Rache ihres Herrn zu mildern, nahmen sie sich des verwundeten Junkers an, verbanden und pflegten ihn.
In dumpfer Verzweiflung starrte der Schmiedesohn Hiltwin auf die Leichen seiner Braut und seines Vaters. Er hatte wider Willen ihren Tod verschuldet, und das Entsetzliche des Geschehens legte sich ihm wie eine Bleilast auf die Seele.
Es gab Männer und Frauen, die in ihrer Angst um Leib und Gut von dem jungen Schmied forderten, dass er sich dem Landesherrn stelle. Sie waren der Ansicht, dass er durch die Hingabe des Lebens seine Tat büßen, die Rache des Ritters mildern und sie vor den Folgen schützen müsse. Andere wieder rieten ihm und allen am Kampf Beteiligten zur schleunigen Flucht und sprachen dabei die Hoffnung aus, dass die Zurückgebliebenen sich damit entschuldigen und

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