1. Als um die Jahrhundertwende der Gewerke Friedrich Neist starb, hinterließ er seinen beiden Söhnen, Georg und Herbert, ein beträchtliches Vermögen. Man hielt den alten Neist allgemein für einen Millionär. Er entstammte einer alten und wohlhabenden Eisenbauernfamilie des Siegerländer Erzgebirges, und jedermann wusste, dass er ein reiches Erbe nicht nur erhalten, sondern noch viele Taler hinzugescharrt hatte. Es war bekannt, dass er wertvolle Aktien von Hütten und Fabriken besaß, dass er seine Grube „Erzberg“ in den achtziger Jahren für hundertzwanzigtausend Taler, die Grube „Apfelstein“ für sechzigtausend Taler an eine Gesellschaft aus dem Ruhrgebiet verkauft hatte. Dabei blieb der Alte ein bescheidener und in Geldangelegenheiten höchst vorsichtiger Mann. Er liebte nur todsichere Papiere und ganz solide Zinszahler. Wenn er sich auch eine wildreiche Jagd gönnte und jährlich einmal eine mehrwöchige Kur in Bad Kreuznach, so beeinträchtigte das kaum die Geschäftsbilanz am Jahresende. Sein Sohn Georg, der ältere, übernahm das alte väterliche Haus, das breit und behäbig im Kern eines größeren Dorfes lag. Er übernahm nicht nur das Haus, sondern auch die Eigenschaften des sparsamen und bescheidenen Vaters. Mit den Jahren trieb er jedoch seine Sparsamkeit so weit, dass er in den Ruf eines argen Geizkragens und Sonderlings geriet. Die Frauen mied er, den Alkohol nicht minder, sogar der Rauch des edelsten Tabaks behagte ihm nicht. Er kapselte sich in seinem Haus fast gänzlich von der Außenwelt ab und lebte wie ein stiller Rentier, der nur aus Passion die Bauernwirtschaft seiner Vorfahren weiterführt. Keiner in der Gemeinde vermochte zu sagen, ob sich irgendwelche Menschen im Dorf oder sonst wo einer besonderen Zuneigung Georg Neists erfreuten. Die Verwandten verkehrten überhaupt nicht mit ihm, und einen Freund hatte er nicht. Es betrat niemand sein Haus, den nicht eine Pflicht oder ein Geschäft dazu veranlasste. Doch eine Affektion des sonderbaren Mannes war weit über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannt: seine Liebe zu Ochsen. Immer standen zwei ausgesuchte Vertreter dieser Art in seinem Stall. Die Dörfler, die jungen und alten, wussten sogar die Namen der Ochsen: „Pan“ hieß der eine und der andere „Poll“. Musste eins von den Tieren wegen seines Alters mit dem Schlächter Bekanntschaft machen, so fuhr der Knecht des Sonderlings oft monatelang in der Welt herum, um einen neuen Ochsen zu suchen, dessen innere und äußere Qualitäten dem Geschmack Georg Neists genügten. Und beim Ankauf eines Ochsen schonte Georg Neist sein Geld nicht. Wenn ihm ein Tier gefiel, so zahlte er, was man forderte. Weshalb hegte dieser reiche Mann eine solche Vorliebe für Ochsen? Er hätte sich doch die edelsten und teuersten Pferde halten können. Auf eine Frage soll er einmal geantwortet haben: „Ah, der Ochse ist das klügste Tier, das ich kenne! Er ist klüger als manche Menschen, die wütend aufbegehren, wenn man sie als Ochse bezeichnet. Nur der Ochs hat begriffen, was unserer Zeit mangelt: mehr Ruhe, mehr Dickfelligkeit, mehr Bescheidenheit. Er ist ungeheuer stark; trotzdem prahlt er mit seiner Stärke nie und verschwendet auch seine Kraft nicht. Demütig, gelassen, unerschütterlich tut er seine Pflicht. Und Nerven hat so ein Ochse –Nerven! Ah, hätten die Menschen solche Nerven – es stünde besser um uns!“
* Er hatte es gern, wenn man über ihn lachte und ihn für einen geizigen Narren hielt. Oft soll er, wenn gerade Leute an seinem Fuhrwerk vorbeikamen, von denen er wusste, dass sie ihn mit Spott bedachten, zu den Ochsen gesagt haben: „Bitte, lieber Herr Pan, nicht gar zu gemächlich!“ oder: „Mehr hott halten, Herr Poll, wenn’s gefällt!“ Sonntags warf er in der Kirche mit einer solch protzigen, pharisäerischen Geste einen Groschen in den Klingelbeutel, dass die Leute sich hämisch anzwinkerten und nachher sagten: „Der edle und fromme Mann, von einem ganzen
Groschen trennte er sich!“ Oder er stand auch unter den Linden vor seinem Hause, mit etwas altem Eisen- und Tuchzeug in den Händen, und wartete auf den Lumpenhändler. Dann gab er gut Acht, dass der Lumpenmann richtig wog, und schob nach dem Verkauf die roten Pfennige in die Tasche, als habe er das beste Geschäft abgeschlossen. Über solche und ähnliche Reden und Taten lachte die ganze Gegend. Manche tippten mit dem Finger an die Stirn und machten unzweideutige Mienen. Und der reiche Sonderling lachte mit. Er sagte abends zu seinem Knecht: „Ah, lieber Jupp, heut werd’ ich gut einschlafen. Nach dem guten Werk kann ich schlafen wie’n Dachs!“ „Was war’s denn heute?“ „Hehe – wieder was zum Lachen, Jupp! Und das Lachen ist viel wert in unserer Zeit – hehe- “
* Herbert Neist, der einzige jüngere Bruder Georgs, führte ein ganz anderes Leben. Mit dem schrullenhaften Ochsenfreund hatte er sozusagen nichts gemeinsam. Schon seit vielen Jahren grüßten sich die Brüder nur flüchtig, wenn es einmal der Zufall wollte, dass sie sich begegneten. Georg grüßte den Bruder so, wie man alle Leute in einem Dorfe grüßt – Herbert tat es immer auf eine Weise, als ginge er an einem Gläubiger vorbei, den er nicht bezahlen könne. Herbert unterschied sich äußerlich schon erheblich von seinem Bruder. Georg war klein und schwächlich, Herbert dagegen groß und stattlich. Georg verachtete die Mode, Herbert trug stets Anzüge nach neuestem Schnitt. Als der alte Neist gestorben war, genügte sich Georg mit dem einfachen väterlichen Fachwerkhaus – Herbert aber ließ sich von einem bekannten Architekten eine großartige Villa bauen am Rande des Dorfes und lebte drin, wie ein reicher Mann zu leben pflegt. Er war nicht knauserig, sondern hatte eine offene Hand und Verständnis für jede Not. Kein Armer klopfte vergeblich an seine Tür. Georg ließ sein Vermögen still arbeiten – durch Kuxe, Aktien, Hypotheken und Häuser -, Herbert liebte nur das laute Unternehmen, das kühne Wagen, Maschinen und Hammerschläge. Dass Herbert Neist in seinen Unternehmungen nicht glücklich war und viel, viel Geld verlor, hatte er weniger seiner Freigiebigkeit und seinem Wagemut zuzuschreiben, sondern mehr dem arglosen Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte.
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Vor dem Eingang seiner Villa blieb er eine kurze Weile stehen und sah hinab ins Tal, wo die Sieg, funkelnd im Sonnenlicht, eine fruchtbare Aue durchströmte, bis sie die ersten Häuer des Dorfes begrüßte. Ringsum erhoben sich die Berge, bedeckt vom Dunkelgrün der Hoch- und Niederwälder, die oft weit ins Tal hinabstiegen, manchmal bis an die Wasser des Flusses. Neist wohnte nicht allein auf dieser, der nördlichen Seite des Dorfes. Noch andere Wohlhabende des Dorfes oder der Umgebung hatten sich an dem sonnigen Berghang angesiedelt. Die sauberen und farbenfreudigen Villen bildeten mit ihren gepflegten Gärten den vornehmsten Teil der Gemeinde. Stand Neist auf der Treppe seines Hauses, so sah er links das kleine, aber schmucke Anwesen der Frau Stahler, einer Witwe, deren Mann Hütteningenieur gewesen und der als Offizier in Russland gefallen war. Nach rechts blickte Neist nie, ohne dass ein bitterer Zug seinen Mund entstellt hätte. Dort wohnte in einer Villa, die noch großartiger war als die seine, der Fabrikant und Großkaufmann Andreas Kraiert. Kraiert besaß weiter oberhalb des Flusses, wo sich Landstraße und Eisenbahn begegneten und das Schornsteinbündel eines mächtigen Stahlwerks mit flatternden Rauchfahnen gen Himmel stieß, eine Blechwarenfabrik. Diese Fabrik war von Neist in den ersten Jahren des Jahrhunderts gegründet worden, und in ihrem Kontor hatte Kraiert als armer und schmalbrüstiger Schreiber begonnen. Noch konnte sich Neist den blassen und hungrigen Menschen vorstellen, in einem verschlissenen und abgeschabten schwarzen Anzug, dessen enge Hose hoch über den zerflickten Schuhen
endete, mit einer dünnen Krawatte um einen hohen Stehkragen und den ausgefransten Manschetten um die Handgelenke. Auch hörte er noch immer die Stimme in den Ohren, die ihn flehentlich um Arbeit bat. Er hatte damals keinen Schreiber nötig; nur die Not in dem krankhaft blassen Gesicht bewog ihn, diesen Menschen einzustellen. Kraiert war ohne Zweifel ein tüchtiger Schreiber, dazu ein geborener Kaufmann, der bald mit all seinen Sinnen nur noch der Fabrik zu gehören schien. Ein hellwacher Mensch, von einem brennenden Ehrgeiz beseelt, ein aalglatter Schmeichler, der sich mit einem süßen und ergebenen Lächeln jeder Arbeit unterwarf. Neist konnte ihn nicht sonderlich gut leiden, doch er musste seinen nie ermüdenden Fleiß und seine beispiellose Geschicklichkeit anerkennen. Bald überflügelte Kraiert alle seine Kollegen. Er wurde Prokurist der Firma, dann sogar Direktor. Neist, den damals noch ein halbes Dutzend anderer Projekte beschäftigte, war froh, dass dieser überaus tüchtige Mann ihm einen guten Teil seiner Geschäftssorgen von den Schultern nahm. Kraiert kletterte an ihm empor wie die Liane an einem Baum. Und diese Liane hätte um ein Haar den Baum erstickt. Knapp ging Neist am Konkurs vorbei. Doch der größte Teil seines Vermögens wurde ihm entrissen. Nun stand über dem Eingang der Blechwarenfabrik nicht mehr „Herbert Neist“, sondern in protzigen Lettern war da zu lesen: „Andreas Kraiert & Co.“ Doch als Neist, den Drilling an der Schulter, durch das Gartentor schritt, lag vor ihm in der reichen Fülle des Sommers seine Heimat, und er verscheuchte mit Gewalt die Gedanken an schwarze Stunden in seinem Unternehmerleben. Er hatte seine Fabrik verloren und viel, viel Geld dazu; aber der Verlust hatte ihn aus der Rastlosigkeit des ewig Suchenden und Wagenden wieder in jene Sphäre ruhiger Arbeit zurückgestoßen, in der sich seine Vorfahren durch Jahrhunderte bewegt und ihren Wohlstand Stein für Stein aufgebaut hatten. Er war wieder ganz Bergmann geworden. Seine Grube, der Glücksberg, war ihm treu geblieben. Eine kleine Grube, ohne Röstofen und Schächte und Fördertürme, noch ein Stollenbetrieb. Doch sie ernährte ihren Besitzer und auch noch vierzig brave Bergleute. Das grüne Eisenerz verkaufte er an die benachbarten Hüttenwerke. Als er den Weg hinanstieg, der durch eine Schlucht bergauf zu seiner Grube führte und den ein Niederwald von beiden Seiten so bedrängte, dass vom Himmel nur noch ein schmaler Strich zu sehen war, hoppelte vor ihm ein Hase gemächlich durchs Gebüsch. Da musste er wieder an den Nachbarn Kraiert denken. Dieser Fabrikant und Großkaufmann war vor vier Jahren auch noch Jäger geworden. In einer sensationellen Jagdversteigerung, wie sie das Dorf noch nie erlebt, hatte Kraiert den Jagdhüter Neists, den Invaliden Zeihne, überboten. Neist hatte Zeihne beauftragt, weil er selbst einer Krankheit wegen nicht an der Versteigerung teilnehmen konnte. So hatte er an Kraiert die Jagdrechte seiner engsten Heimat verloren, und er musste einen guten Stundenweg machen, bis er in ein benachbartes Revier gelangte, das ihm gehörte. Die verlorene Jagd schmerzte ihn fast noch mehr als der Verlust seiner Fabrik. Auf der Halde des „Glücksberg“ fuhr gerade die Morgenschicht aus dem finsteren Stollenmund. Mit grauem Bergstaub bedeckt, schoben die Männer die vollen Grubenwagen, an die sie die noch brennenden Lichter gehängt, bis an die Verladerampen und kippten dort das Erz aus. Die Nachmittagsschicht zog sich im Zechenhaus die Überkleider an oder füllte die Karbidlampen in einem Schuppen neben dem Kontor des Obersteigers. Mit einem lauten „Glück auf“ begrüßte Neist die Bergmänner. Er beschäftigte nur erfahrene und ausgewählte Leute. Sie brauchten nie mit mageren Lohntüten nach Hause zu gehen, denn Neist war ein großzügiger Mann. Im Kontor des Obersteigers streifte er einen „Wasserdichten“ über sein grünes Jägergewand, nahm sein Grubenlicht und befuhr mit dem Obersteiger Stollen, Querschläge und Überbrüche. Zwei Stunden später trug er wieder den Drilling an der Schulter und strebte seinem Revier zu, um den Tag in seiner geliebten Jagd zu beenden.
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Taschenbuch, 270 Seiten, Preis: 12,95 Euro.
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Rudolf Utsch: Der Ochsenmillionär
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